Es gibt kein „bald“ und kein „zügig“ mehr - alles ist „zeitnah“.
+
Es gibt kein „bald“ und kein „zügig“ mehr - alles ist „zeitnah“.

Times mager

Zeitnah

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
    schließen

Auch so ein Modewort. Nichtssagend, zu nichts verpflichtend.

Wenn das kein schöner Titel ist: „Verständlich schreiben“. Klare Worte, überzeugende Botschaft, wir wollen uns bemühen. Okay, beim Untertitel lässt das Ganze etwas nach: „Business-Texte strukturiert und leserorientiert formulieren“. Aber zu danken ist der Co-Autorin dieses Büchleins, Franziska Nauck, auf jeden Fall. Und zwar dafür, dass sie zwar leider nicht das Wort „Business-Texte“ aus „Business-Texten“ verbannen möchte, dafür aber einen heldinnenhaften Kampf gegen die Dumpfphrase „zeitnah“ führt. Möge sie dabei siegreich sein!

Das wird nicht ganz einfach, denn „zeitnah“ nennt inzwischen jeder Depp alles, wovon er noch nicht weiß oder noch nicht verraten will, dass er es auf die lange Bank schieben wird. Es gibt, Franziska Nauck beklagt es mit Recht, kein „bald“ und kein „zügig“ mehr – alles „zeitnah“, es ist fürchterlich. Noch fürchterlicher: „Je mehr Optionen Sie auswählen, desto zeitnäher können wir Ihnen voraussichtlich einen Termin ermöglichen.“

Wissen Sie, warum das so fürchterlich ist? Weil es den Versuch darstellt, eine nicht weniger unzuverlässige, aber simple Zeitangabe wie „bald“ durch gestelztes Dahingerede in etwas vermeintlich Seriöses und Professionelles, ja Verlässliches zu verwandeln. „Am Ende des Tages werden wir das Thema zeitnah auf die Agenda setzen müssen“ und so, Sie wissen schon, auf Deutsch: Da müssen wir uns wohl irgendwann drum kümmern. Allerdings sollte auf keinen Fall verschwiegen werden, dass der Begriff „zeitnah“ andererseits durch eine zutiefst existenzielle Bedeutung bestechen könnte, würde er nicht immer so businessmäßig entstellt. Der Zeit nahe zu sein, das ist nun wirklich ein facettenreiches Unterfangen.

Sind wir der Zeit nahe, also zeitnah, wenn wir uns immer eng an den Geist derselben kuscheln, um nicht zu sagen: an die Mode? Wer wäre da nicht lieber auch mal zeitfern? Oder sind wir eher zeitnah, wenn unsere inneren Rhythmen in einer harmonischen Beziehung zu den jeweiligen Tages- und Nachtzeiten stehen, wir also aufhören, vor lauter „Zeitnah“-Gelaber immer zeitferner zu werden? Kann „nah“ nur heißen, dass die rasende Zeit uns immer stärker auf die Pelle rückt? Oder können wir sie so liebevoll betrachten, dass sie sogar kurz stehen zu bleiben scheint?

Zum Schluss ein wichtiger Hinweis: Stellen Sie diese Überlegungen bitte niemals in einem „Business-Text“ an, sonst haben Sie ein höchst zeitnahes Problem. Machen Sie einfach, was Franziska Nauck empfiehlt: „Streichen Sie ,zeitnah‘ möglichst bald aus Ihren Texten. Um nicht zu sagen sofort – und ASAP (,As soon as possible‘) gleich mit.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare