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Zeit muss gefunden werden, so wie ein Osterei.

TIMES MAGER

Zeitig

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Gerade noch musste man die Zeit finden. Jetzt liegt sie in den Zimmerecken rum wie die Wollmäuse.

Gerade noch hatten wir sie nicht zu verschenken. Oder waren jedenfalls überzeugt, dass wir nicht genug von ihr hatten, um sie zu verschenken. Wurden wir um ein Stück von ihr gebeten, seufzten wir leise – leise, denn wir waren uns dessen bewusst, dass auch andere sie nicht zu verschenken hatten, dass wir keineswegs allein in dieser Misere steckten – und wenn es sich um eine größere Anfrage handelte, sagten wir vielleicht: Da muss ich erst in meinen Kalender schauen. Dann schauten wir in unseren Kalender oder vergaßen es erst einmal, weil – wie wir erklärten, sobald uns jemand erinnerte –, der Nachfrage nach ihr so viel war und der Zeit so wenig.

Die Zeit aber macht die seltsamsten Dinge mit uns, seit sie eine Coronaviruszeit ist. Eben noch ging es um Überlegungen nach dem Prinzip: Wenn ich von A nach C fahre, kann ich schnell bei B reinspringen und D erledigen. Und wenn ich einen Schlenker Richtung E mache, brauche ich nur zehn Minuten zusätzlich für F. Dafür verschiebe ich G, bis ich ohnehin nach H muss. Und wenn ich die Fahrt nach H mit I koppele, spare ich … vielleicht ja genug, um am Abend endlich J zu Ende zu bringen. Oder den Film zu gucken, für den ich sonst erst Zeit finde, wenn ich in Rente bin. (Beunruhigend an dieser Rechnung war noch vor kurzem: Eigentlich kannte man nur Rentner, die ebenfalls keine Zeit hatten.)

Gerade noch jedenfalls sagte man so und sagte es, als verstehe es sich von selbst: Ich muss die Zeit finden. Da war die Zeit, so kam es einem wenigstens vor, ein prächtiges Osterei. Freilich hinter ein Grasbüschel gerollt, so dass allenfalls noch die Ameisen damit Ostern feiern konnten. Oder man hatte sie verlegt wie eine Lesebrille, von der sich auch herausstellen konnte, dass man sie, während man jede Ablagefläche sichtete, jede Schublade öffnete, die ganze Zeit um den Hals hängen hatte. „Die ganze Zeit“? Nun ja, das war leicht übertrieben; aber man musste ein Stück von ihr verbrauchen, während man sie doch eigentlich suchte. Es war ein garstiges Dilemma, aber immerhin billigte der Zeitgeist den Zeitgeiz.

Aber nun: muss man die Zeit seit einiger Zeit nicht nur nicht mehr suchen und finden, nein, drängt sie sich ins Bild, winkt und beginnt, ihre ganze große Familie zu grüßen. Oder sammelt sich wie Wollmäuse unterm Bett und in den Zimmerecken, und kaum hat man sie aufgesaugt (die DVD geguckt, die CDs sortiert, die Wäsche gebügelt, den Krimi gelesen), sieht man schon wieder Zeitteilchen sich ganz von selbst finden. Man könnte meinen, sie mache das absichtlich, die Zeit, als Rache dafür, dass wir sie gerade noch kaum mal an die frische Luft gelassen haben.

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