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Zeitenwende

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Von: Michael Hesse

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Da wacht sie, die Milchdiebin: Margaret Thatcher.
Da wacht sie, die Milchdiebin: Margaret Thatcher. © afp

1979 wurden die Gelehrten sehr nervös. Uns kann das eigentlich ermutigen, der Zukunft mit etwas Gelassenheit entgegenzusehen.

Gibt es sie wirklich, die Zeitenwende, von der so gerne gesprochen wird? Oder ist alles vielmehr ein kontinuierlicher Prozess, in dem für solche Diskontinuitäten kein Platz ist? Vermutlich ist letzteres der Fall, doch da der Begriff der Zeitenwende einen solchen Zauber ausübt, sei an ein solches Epochenjahr erinnert, das als Wendepunkt in der Erinnerung bleibt. Die Rede ist nicht von 2022, das Kanzler Scholz als Zeitenwende deklarierte, vielmehr von 1979.

Da stieg eine Politikerin in unangeahnte Höhen auf, die bis Mitte der 70er Jahre eine eher unbedeutende Nachwuchsministerin gewesen und der Öffentlichkeit nur als „Thatcher the Milk Snatcher“ (Thatcher, die Milchdiebin) bekannt war, weil sie jüngeren Schülern die kostenlose Schulmilch weggenommen hatte. Ins Kabinett war Thatcher vor allem deshalb befördert worden, weil sie eine Frau war.

Margaret Thatcher: Vorreiterin des Neoliberalismus

Der damalige Premierminister Edward Heath verachtete sie als geschwätzige Plage. Und niemand hätte für möglich gehalten, dass sie einmal Großbritanniens Premierministerin und Vorreiterin des Neoliberalismus werden sollte. Aber 1979 war es soweit, Thatcher wurde Premierministerin und ging als unerschrockene Eiserne Lady in die Geschichtsbücher ein.

1979 war ein ungewöhnliches Jahr. Es brachte Menschen an die Macht, die bis dahin als Außenseiter galten und anschließend die Welt so verändern sollten, dass die Gegenwart ohne sie nicht möglich wäre. Wie schnell sich Dinge ändern, Annahmen als obsolet und Ansichten als irrig erweisen können, hätte ein Blick in das Jahr 1974 gezeigt. Da war ein gewisser Deng Xiaoping in China in Ungnade gefallen und befand sich auf der Flucht vor den Roten Garden. Sein Sohn war beim Weglaufen vom Dach gefallen und hatte sich so schwer verletzt, dass er zeitlebens darunter litt.

Der neue Papst: Karol Józef Wojtyla

Deng wurde gefasst und durfte nur noch Traktoren reparieren, weil seine Ideen der kommunistischen Machtelite in China zu marktfreundlich erschienen waren. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der iranische Geistliche Ayatollah Khomeini im Exil im Irak und sollte bald nach Paris in den Vorort Neauphle-le-Château aufbrechen. Fast zeitgleich war ein gewisser Karol Józef Wojtyla Erzbischof von Krakau. Wer behauptet hätte, dass er der erste nicht-italienische Papst seit Adrian VI. im Jahr 1522 werden sollte, wäre als Spinner abgetan worden. Doch dann kam das Jahr 1979, die Zeitenwende.

Für den Wirtschaftshistoriker Harold James war 1979 eine Zäsur, der Historiker David Harvey nennt es sogar einen revolutionären Wendepunkt. Auch der Philosoph Peter Sloterdijk glaubt, ein Schlüsseljahr erkennen zu können. Und Frank Bösch, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in Potsdam, schrieb gleich ein ganzes Buch darüber: „1979 – Als die Welt von heute begann“. Auf US-Seite verfasste Christian Caryl die Monografie „Strange Rebels: 1979 and the Birth of the 21st Century“.

Die Zukunft ist noch nicht gemacht

Nie zuvor waren so viele Gelehrte – Ökonomen, Politikwissenschaftler, Diplomaten, Soziologen und Kommentatoren gleichermaßen – angesichts der Wendungen und Ereignisse so fassungslos wie in dem besagten Jahr. Uns könnte es im Hier und Jetzt ermutigen, den Prognosen über die nahe und auch die fernere Zukunft mit einer gewissen (philosophischen) Gelassenheit zu begegnen. Denn die Zukunft ist noch nicht „gemacht“. Alles ist noch im Werden begriffen.

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