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„Eine so bescheuerte Zeit.“

Times mager

Zeiten

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Wenn Sie denken, es gibt nur eine Zeit, dann haben Sie zwar einerseits Recht. Andererseits ...

Die Bahnhofsuhr auf dem Bahnsteig in K. zeigte gestern morgen einige Minuten nach halb zehn, als ein pflichtbewusster Vater ganz hin- und hergerissen war. Einerseits stolz, dass sein kleiner Sohn die Uhr schon richtig lesen konnte. Andererseits in der Bredouille, dem Kind erklären zu müssen, dass es zwar keinen Fehler gemacht habe, es sich aber trotzdem um die falsche Zeit handele. Das Kind schwieg zuerst und guckte hoch zum Vater, Vorwurf in den Augen. Dann wollte es doch erklärt haben, was eine „falsche Zeit“ sei und ob die Erwachsenen eigentlich nichts Besseres zu tun hätten, als der richtigen Z. noch eine falsche hinzuzufügen (Kind: „Aber warum machen die das?“). Der Vater schob es auf die Technik und machte die menschliche Gleichung auf: Technik falsch = Zeit falsch. Das Kind schien nicht überzeugt („aber waruuu-um?“), als die S-Bahn kam, zur richtigen, also zu der Zeit, zu der sie von den Erwachsenen vorgesehen war. Uff.

Gar nicht kam am Tag davor, dem 13. August 2019, ein Erwachsener zu einer Verabredung. Und als die bereits eine gute Zeit (nein, seien wir ehrlich, eine ungute, ärgerliche Zeit) Wartende anrief, hörte sie ihre Gesprächspartnerin in ein Büro hineinrufen: Derjenige, der „eine so bescheuerte Zeit“ (b. Z.) vereinbart habe, solle sich doch bitte melden. Niemand bekannte sich freilich zu der b. Z., was angesichts dieser Vorverurteilung auch irgendwie kein Wunder ist. Außerdem wurde hier eine ganz gängige, täglich und verlässlich vorkommende Zeit (g. g. Z.), nämlich 13 Uhr, unnötig diskriminiert.

Auf die b. Z. schiebt der Mensch in diesen Zeiten gern Dinge, die er zwar selbst verschuldet hat (E-Roller zugelassen, Kleinen Kaninchennasenbeutler ausgerottet, obwohl der doch so fabel- und wolpertingerhaft klingt, TÜV-Termin nicht eingehalten, Erde erhitzt, Erde noch mehr erhitzt, halbvollen Coffee-to-go-Becher aus dem Autofenster geworfen, leere Bierdose aus dem Autofenster geworfen usw. usf.), an denen er aber der Zeit, die er darum bescheuert nennt, als bescheuert regelrecht abstempelt, gern eine Mitschuld gibt. Die b. Z. ist ihm allemal ein Sündenbock, obwohl er sie nach Art der Trumpschen Sündenböcke erfunden hat – von jenen jagt der US-Präsident zu unterschiedlichen Tageszeiten und gern auch mehrfach am Tag einen durchs, äh, Weiße Haus und über seinen Twitter-Account.

Noch hat die „herrliche“ Urlaubszeit eine gewisse Konjunktur, obwohl man in Hessen schon wieder bei der (hier abwertendes Adjektiv) Arbeitszeit angekommen ist. Von der Schulzeit wollen wir hier gar nicht reden, die sich doof, langweilig, öde usw. usf. nennen lassen muss.

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