1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Die Zeit läuft

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Christian Thomas

Kommentare

Unverzichtbar: Das Glas Wasser.
Unverzichtbar: Das Glas Wasser. © dpa

Ein Nachwort zur Buchmesse - von Moderator und Gast.

Erst einmal durchatmen, das sei jetzt überhaupt nicht verkehrt, und vielleicht auch ein Glas Wasser, noch vorab, aber erst mal durchatmen, bittet der Autor, denn so gehetzt könne er nicht vor das Publikum treten, geschweige denn in ein Mikrofon sprechen, unmöglich, so leid ihm die Verspätung tue.

Aber die Verpflichtungen halt, eben das Gespräch mit dem Fernsehen, nicht live, aber vor laufenden Kameras, nämlich für die Sonderberichterstattung kurz vor Mitternacht, immerhin aber eine Dreiviertelstunde. Deswegen habe sich seine Ankunft verzögert, und der Gast betont sein Bedauern mit einem Lächeln und die Verzögerung mit einem Achselzucken, nicht anders zu machen. Aber jetzt ist er da! strahlt der Autor, und das Publikum, soeben noch unsicher, hier und da bereits eine Spur verstimmt, ist erleichtert.

Noch einen Schluck Wasser, die Hostess reicht dem Autor das Glas, jetzt wird es für einen Moment etwas kompliziert, ja, eins nach dem anderen, denn zuvor will der Autor ja noch aus seinem Mantel, dabei ist ihm der Moderator behilflich, danke, so geht es. Erst aus dem Ärmel des Mantels, dann das Glas, dennoch folgt ein kleines Unglück mit Wasser. Nun aber mal das Buch, denn ohne Buch geht auf der Messe rein gar nichts, betont der Autor, und der Moderator lächelt wie über ein Bonmot, während der Autor zum Buch greift, es aus einem Sack klaubt, er, der Inbegriff des komplexen Erzählens, zieht sein aktuelles Buch aus einem Beutel, aus einem uralten Jutesack, einem Talisman?

Ob der Gast vielleicht hier, rechts vom Publikum, Platz nehmen wolle? Kein Problem, ein Sessel sei ja wohl wie der andere, und so fallen Autor und Moderator in zwei tiefe weiße Sessel auf einer Bühne, die so angelegt ist, dass die beiden Gesprächspartner ein wenig zu ihrem Publikum, das auf Stühlen sitzt, aufschauen müssen. Der Autor legt seine Brille auf die Lehne, die wie das gesamte Möbel sehr breit ist und dafür sorgt, dass die Arme des Autors fast in Schulterhöhe auf den Lehnen aufliegen, was so aussieht, als sei der Autor durch zwei Armbrüche gehandicapt und seien seine Arme geschient, während der Moderator seine Karteikarten vor dem Bauch hält, sie ein wenig auffächert, eine Karte herauszieht und in den Fächer anders einordnet als zuvor.

Weil er seine Moderation noch einmal neu mischt? Der Moderator schaut den Gast an und die nicht ausgesprochene Frage wird mit einem Nicken beantwortet, zum Zeichen, dass es losgeht, so dass der Moderator ins Mikrofon pustet, aber nichts hört, somit ins Mikrofon die Frage stellt, ob er zu hören sei. Ja, ist er. Von nun an läuft die Zeit.

Auch interessant

Kommentare