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Was soll man nur anfangen mit all der Zeit?

Times Mager

Zeit

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Selbst die vergangene Zeit beschleunigt sich gegenüber den Momenten, als sie noch Gegenwart war, auf erschreckende Weise.

Der Tisch werde gleich frei, sagte die eine ältere Dame. Die andere ältere Dame stand fast schon auf, blinzelte aber unschlüssig in den sich rötenden Himmel über der Insel. Fünf Wochen sei sie hier, bemerkte sie und, mit Blick auf die eine ältere Dame, die noch saß: „Die hier sogar fünf Monate.“ Nun sei die Sonne noch nicht untergegangen und man habe schon gegessen und manchmal wisse man gar nicht, was man anfangen solle mit all der Zeit auf der Insel, und sie sagte es, als gebe es auf der Insel aus irgendwelchen Gründen mehr Zeit als anderswo.

Ob man sich schon mal dazusetzen könne, antwortete der ältere Herr, der mit seiner Gattin den von den älteren Damen schon fast freigegebenen Tisch hatte in Besitz nehmen wollen. Im Übrigen teile er die Ansicht, dass die Zeit auf der Insel zumindest langsamer vergehe als anderswo, so dass man das Gefühl entwickle, mehr davon zu haben, was ihn, den älteren Herrn, allerdings keineswegs störe.

Ansonsten nämlich, fuhr der ältere Herr fort, habe er mit zunehmendem Alter eher das entgegengesetzte Gefühl: dass die Zeit, so erwarte man es ja auch allgemein, immer schneller vergehe, so dass der Eindruck entstehe, es gebe weniger davon als früher, was ja irgendwie auch den Tatsachen entspreche, jedenfalls was den Rest des eigenen Lebens betreffe.

Er, so der ältere Herr, habe sogar den Eindruck, dass selbst die vergangene Zeit sich gegenüber den Momenten, als sie noch Gegenwart war, auf erschreckende Weise beschleunige. So sei ihm, als wäre es gestern gewesen, eine zwölfstellige japanische Telefonnummer wieder eingefallen, die man in seiner Jugend kostenfrei habe anrufen können, um eine freundliche Stimme etwas sagen zu hören, das so klang wie die Zeitansage von Osaka, denn die Vorwahl 00816, das habe man schon damals dem Telefonbuch entnehmen können, gehöre nun mal zu dieser japanischen Stadt.

Die eine ältere Dame mochte an die Richtigkeit der erinnerten Vorwahl nicht glauben, woraufhin der ältere Herr sein Smartphone zog und den Beweis (Osaka) ergoogelte. Das sei der Vorteil beim heutigen Roaming, dass man älteren Damen, die eigentlich bereits aufgebrochen gewesen seien, um sich zu langweilen, ohne Umstände etwas beweisen könne, sagte der ältere Herr. Seine Gattin fügte hinzu, das immerhin sei den europäischen Kolonialmächten des 16. und 17. Jahrhunderts zu verdanken, denn ohne sie hätte die Insel nie und nimmer zu Europa gehört.

Der ältere Herr wählte nun die Nummer, aber eine Verbindung kam nicht zustande. Wer braucht denn auch heute noch eine Zeitansage, murmelte die andere ältere Dame und stand auf.

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