Ist der Füllfederhalter ein Zauberstab oder handelt es sich um ein Relikt?
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Ist der Füllfederhalter ein Zauberstab oder handelt es sich um ein Relikt?

Times mager

Zauberstab

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Der Füllfederhalter mag schon Ende der zwanziger Jahre als schriftstellerisches Utensil ausgedient haben, aber nicht für Walter Benjamin.

Wenn der Füllfederhalter noch eine Rolle spielt heute, dann als so etwas wie ein Überbleibsel in den Händen von Haltern, die vergangenen Zeiten anhängen. Sollte es sich bei dem Utensil um ein Relikt handeln? Auch darin mag man eine Allegorie sehen, eine im Sinne Walter Benjamins, für den die Allegorie eine starke Bedeutung hatte, nicht anders als der Füllfederhalter. Für beide kam die Gelegenheit zur Gemeinsamkeit. Als Benjamin nämlich einen neuen Füllfederhalter, weil ihm der alte abhandengekommen war, erwerben musste. Auf ein neues Exemplar stieß er im Straßentreiben von Paris an einem Stand, so dass er dem Briefpartner, Siegfried Kracauer, berichten konnte: „Dort fand ich gegenwärtiges liebreizendes Geschöpf, mit dem ich allen meinen Träumen genügen kann und eine Produktivität entfalte, die mir zu Zeiten der verflossenen – Feder – unmöglich gewesen wäre.“

Howard Eiland und Michael W. Jennings sind es, von denen in diesen Tagen nicht nur eine außerordentlich umfangreiche Benjamin-Biografie erschienen ist, sondern eine famose Interpretation der Passage stammt: „Dieser kleine Text (…) demonstriert die Leichtigkeit – und Schlitzohrigkeit – von Benjamins intellektueller Methode: Während er das Instrument seiner Produktion zum Fetisch stilisiert, gelingt es ihm, das Werkzeug zu allegorisieren und sich selbst zu ironisieren.“

In der Allegorie, auch wenn sie hier von der Ironie eingefärbt wurde, sah Benjamin eine tragische Kraft, dazu in der Lage, das Vergängliche zu retten ebenso wie das bereits Verlorene. Ende der 1920er Jahre, als Benjamin auf seinen Briefpartner Kracauer reagierte, weil dieser ihm den Erwerb einer Schreibmaschine nahelegte, war der Füllfederhalter ein Utensil, das kaum mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor erfunden worden war. Mochte er Ende der 1920er Jahre bereits auf verlorenem Posten stehen, so nicht für Benjamin, im Gegenteil. Er, der den Autor fortschrittlich zu definieren versuchte, was unter dem Einfluss von Bert Brecht geschah, sprach nicht mehr vom Schriftsteller. Wenn man das Wort nur langsam genug in Gedanken passieren lässt, war der Füllfederhalter der passende Anachronismus in der Brustleistentasche von Schriftstellern. Allerdings ironischerweise auch für Benjamin, für den der zukünftige Autor ein „Produzent“ zu sein hatte.

Es war der Füllfederhalter, den sich sein Halter, Benjamin, hielt wie ein Produktionsmittel. Das der Produzent mit einer Aura umgab, der eines Zauberstabs. Mit ihm belebte der Autor als Füllfederhalter wie in allen seinen großen Texten das Vergangene, um es für die Gegenwart zu retten.

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