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Zauberhand

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Von: Sylvia Staude

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Wohl eher Fledermäuse waren die Höhlenkünstler von Franken.
Wohl eher Fledermäuse waren die Höhlenkünstler von Franken. © imago/blickwinkel

Die Mäanderkünstler malten nicht langweilige Pferde, Auerochsen, Nashörner, Mammuts, sondern sie ritzten angeblich Geschlechtsteile in die Kalkablagerungen. Tatsächlich?

In diesen Tagen, in denen Miguel de Cervantes zu feiern und ehren ist, traf eine Meldung aus der oberfränkischen Mäanderhöhle oder vielmehr: aus den Zirkeln, die sie erforschen, in der Öffentlichkeit ein, bei der einem just eine Textstelle aus dem „Don Quijote“ wieder einfiel, die man sich erst kürzlich vom phänomenalen Christian Brückner hatte vorlesen lassen (wenn auch in frischerer Übersetzung als die zu Hause vorliegende). Warum, möchte da Sancho wissen, halte der Ritter eine Barbierschüssel für den kostbaren „Helm des Mambrin“ (und stülpe sich also eine Barbierschüssel über den Kopf)? Nicht, antwortet ihm Don Quijote, weil es wirklich so wäre, „sondern weil mit unsereinem beständig ein Schwarm von Zauberern umherzieht, die alles, was uns betrifft, verwechseln und vertauschen und nach ihrem Belieben umwandeln“.

Das ist eine vernünftige Antwort. Denn wer aufmerksam ist, stellt fest, dass nicht anders als durch das Wirken von Zauberern vieles zu erklären ist, das sich in der Welt im Allgemeinen und der Welt der Wissenschaft im Besonderen zuträgt.

Die Mäanderhöhle also war 2011 eine kleine Sensation, denn „es handelt sich um den ersten Fund steinzeitlicher Höhlenkunst in Deutschland überhaupt“, wie Medien berichteten. Die Mäanderkünstler malten nicht langweilige Pferde, Auerochsen, Nashörner, Mammuts, sondern sie ritzten angeblich Geschlechtsteile – Brüste und Penisse – in die Kalkablagerungen. Ein ganzer Schwarm von Zauberern muss dafür gesorgt haben, dass freudige Bezeichnungen wie „Lusthöhle in Franken“ auf dem Fuß folgten.

Nun hat eine Archäologin, Julia Blumenröther, gemeinsam mit Mitarbeitern des Neandertal-Museums und des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege die Linien im Kalkgestein untersucht und die Zauberer zum Platzen gebracht – beziehungsweise die von ihnen erzeugten Trugbilder: „Wir schließen aus, dass die Spuren von Menschenhand erzeugt wurden“, sagte Blumenröther nun. Offenbar gibt es in der Höhle keinerlei typischerweise von Werkzeugen erzeugte Kratzspuren, allenfalls ein paar Kratzerchen, die von Fledermäusen stammen könnten.

Don Quijote würde sich damit auskennen. Auch er würde im Zweifelsfall aus einem Fledermäuschen einen stolzen Neandertaler machen, der seiner Dulcinea ein Denkmal ritzt. Und argumentieren: „Und es war eine seltene Vorsicht des Zauberers (…), daß er allen als eine Schüssel erscheinen läßt, was wahr und wirklich Mambrins Helm ist. Denn sintemal dieser so hohen Wertes ist, würde mich alle Welt verfolgen, um ihn mir wegzunehmen.“

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