Die Autorin wäre vielleicht doch lieber Paukenspielerin geworden.
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Die Autorin wäre vielleicht doch lieber Paukenspielerin geworden.

Times mager

Zarathustra

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Woher kommt nur dieser Kaffeegeruch, der die Älteren unter uns bei Strauss’ sinfonischer Dichtung anweht?

Wochen, die mit Richard Strauss’ sinfonischer Dichtung „Also sprach Zarathustra“ beginnen, nehmen immer einen ähnlichen Verlauf. Am Dienstagmorgen schauen die Wartenden an der U-Bahn-Station schräg von der Seite, weil es nicht sehr schwierig ist, die Anfangstakte zu singen, aber auch nicht sehr schön.

Während der Arbeitszeit ergibt sich keinerlei Ablenkung, wenn ein Text über die Ausstellung „Stanley Kubricks 2001: 50 Jahre ,A Space Odyssey‘“ erwartet wird.

Am Dienstagabend setzt die Reue darüber ein, nicht Paukenspieler geworden zu sein.

Am Mittwoch jedoch beginnt die Phase, in der man darüber nachdenkt, in welcher Kaffeewerbung die Anfangstakte von „Also sprach Zarathustra“ verwendet wurden. Längst ist diese von einer Bierwerbung davongeschwemmt worden. Das Internet vergisst nie, aber erst seit neulich. Es geht um eine alte Werbung, ziemlich alt. Älter als „Meister Proper putzt so sauber, dass man sich drin spiegeln kann. Meister Proper“. Oder „Mein Bac, dein Bac, Bac ist für uns alle da“. Oder „Dein Haar fühlt sich schon viel kräftiger an“. Aber jünger als „Ja, es ist schon etwas, eine Isabella zu fahren“. Oder „Aus gutem Grund ist Juno rund“. Oder „Der moderne Haushalt ist auf Onko eingestellt“.

Na ja, jedenfalls nahm in der Nacht zum Donnerstag der vertraute Verlauf diesmal eine ernsthafte Wendung. Tatsächlich hat sich die Studie „Die Korrelationen zwischen den Ebenen Sprache und Musik in der Hörfunkwerbung im Hinblick auf inhaltliche Argumentationsstrategien“ vor ein paar Jahren just die Werbungen einer einschlägigen Instantkaffeewerbung vorgenommen. Was vorab zu lesen ist, deutet stark darauf hin, dass auch „Also sprach Zarathustra“ eine Rolle spielt. Das Buch befindet sich inzwischen auf dem Postweg. Die FR wird Sie auf dem Laufenden halten, falls sich aus der Lektüre neue Erkenntnisse ergeben.

Schon am Donnerstagmorgen fiel der Blick dann auf eine Plakattafel, auf der rüstige, weißhaarige Herrschaften bei einer Freizeitaktivität zu sehen sind – beim Radeln durch blühende Landschaften, wenn ich mich recht erinnere. Bei näherer Hinsicht zeigte sich, dass es um eine Initiative ging, die sich 50+ nennt. Am heutigen Freitag dürfte sich endgültig die übliche Ernüchterung ausbreiten. Die Anfangstakte von „Also sprach Zarathustra“ sind natürlich auch eine irrwitzige Effekthascherei. Das Buch ist reichlich teuer. Instantkaffee ist auf Dauer keine Lösung.

Die Menschheit findet es normal, älter zu werden. Der einzelne Mensch steht aber staunend davor. Interessant in diesem Zusammenhang auch, dass Zarathustra am nächsten Montag den 3804. Geburtstag feiern würde (oder den 3000., die Lage ist unklar). Aber ihn hat keiner vergessen, selbst das Internet hat alles nachgetragen, was es über ihn zu sagen gibt. Fast alles.

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