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Demo am Frankfurter Flughafen.

Times mager

Zähler

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Kollege S. will es immer ganz genau wissen. Besonders beim Zählen von Demonstranten und Demonstrantinnen begibt er sich allerdings auf ein herausforderndes Terrain.

Vielleicht geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie es genau wissen wollen. Jüngst erzählte der Kollege S., er vertreibe sich die Zeit beim Autofahren in Frankfurt damit, einen Zusammenhang zwischen dem Aussehen der Insassen anderer Fahrzeuge und der Aufschrift auf den Nummernschildern herzustellen.

Wenn zum Beispiel ein einreisender Offenbacher das Kennzeichen „OF – EN“ gewählt habe, bringe ihn das überhaupt nicht weiter. Dagegen ergebe „F – CM“, verbunden mit weiblichem Blondhaar mittleren Alters, eine hohe Wahrscheinlichkeit, die sich im Falle eines Cabrios noch erhöhe, dass es sich um so etwas wie eine „Conny Müller“ handeln könne.

Das Problem, so S., sei nur, dass sich die jeweilige Annahme in der Regel weder veri- noch falsifizieren lasse. Direkte Nachfrage entspräche weder den Regeln von Anstand und Sitte noch sei sie im fließenden Verkehr überhaupt zu bewerkstelligen.

S. hat sich deshalb zusätzlich auf das Zählen von Demonstranten und Demonstrantinnen verlegt. Er hat sich damit auf herausforderndes Terrain begeben, da die Zahl von Demonstrationsteilnehmern als Indikator für das Gewicht, das sie ihrem Anliegen zu verleihen vermögen, in aller Regel umstritten ist.

Wer einmal auf einem halbvollen Platz die sich überschlagende Stimme des Veranstalters beim Verkünden von Fantasiezahlen gehört hat, weiß davon ebenso ein Lied zu singen wie derjenige, der offensichtlich amtlich heruntergerechnete Polizeiangaben liest. Der Vorgang ist normal, da ja beide Seiten die Schätzung des Gegners von vornherein mit kalkulieren müssen.

Berliner stehen zum Beispiel enger

Unser Freund S. besitzt keinen „Schusszähler“ (ein Knopfdruck pro Demonstrant). Er teilt Plätze und Straßen in Quadrate ein, zählt auf einigen davon die Personenzahl und rechnet dann hoch. Damit ist er immer noch besser als die deutsche Polizei, die pro Quadratmeter eine feste Personenzahl annimmt, allerdings in Stuttgart zwei und in Berlin vier, wie vor einiger Zeit zu lesen war.

Das wirkt unglaubwürdig, auch wenn eingeräumt werden muss, dass Berliner aus Gewohnheit enger stehen (siehe S-Bahn).

In Hongkong gab es jüngst eine Demonstration, deren Ziele der Polizei gefielen. Offiziell nahmen „118 000 Personen“ teil, nach Angaben der Opposition nur „57 000“. Umgekehrt nahmen an einer Kundgebung der Opposition laut Polizei „98 000“ Personen teil, nach „unabhängigen Schätzungen“ (so die Agenturmeldung) „122 000 bis 172 000“.

Unser Freund S. zeigte sich etwas unzufrieden. Er hätte gern gewusst, ob es nicht doch vielleicht 172 500 waren.

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