Times mager

Yes?

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Bald stimmen die Schotten ab. Aber im Land könnte man meinen, am liebsten würden sie darüber stillschweigen.

Der Busfahrer hasst Radfahrer, die er auf einer von diesen schmalen Straßen überholen muss („idiots!“), er hasst Wanderer, die mit dreckigen Schuhen seinen Bus besteigen („mmmpf“), außerdem Touristen, die von ihm partout hören wollen, wie er abstimmen wird. „No“, brummt er – ungewiss, ob das Verweigerung ist oder Antwort. „No means No“, sagt er und meint also wohl doch, dass er mit Nein stimmen wird, wenn es bald um die Unabhängigkeit Schottlands geht. Der Busfahrer schüttelt den Kopf und starrt geradeaus auf die schmale Straße und die idiotischen Radler. Schon der Gedanke, dass ein solches Votum überhaupt stattfinden wird, macht ihn noch schlechter gelaunt („grrrmmmpf“).
In Schottland wird bald abgestimmt, ein demonstratives Yes oder No bedeutet in diesen Zeiten nicht nur Yes oder No. Es gibt JA, wir wollen unabhängig werden von Großbritannien (eigentlich: England), oder NEIN, wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist.

Ein gelbes Kunststoff-Yes

Eine gewichtige, ja, eine Jahrhundertfrage, will es der deutschen Touristin scheinen. Aber ihr will auch scheinen, dass es dafür seltsam ruhig, zu ruhig ist im Land, jedenfalls an seinen meerumtosten Rändern. Einmal sieht sie ein großes gelbes Kunststoff-„Yes“ in einem Vorgarten, einmal ein kleineres blaues vor einem Haus, einmal eine DIN-A4-Pappe mit „Yes“ an einem Dachfenster. Einmal auch ein „No“, ähnlich groß, an einem alten Auto. Aber die „Stornoway Gazette“ („Highlands and Islands Newspaper of the Year“) berichtet indessen noch unverdrossen und seitenfüllend von sommerlichen Festen, jubelt, dass Prinzessin Anne einen neuen Hafen eröffnen wird – und quetscht ein bescheidenes, geradezu britisch dezentes Pro und Contra auf einer Seite zusammen.
Inzwischen hat es zwei TV-Duelle gegeben („grrrmmmpf“ antwortet der Busfahrer auf die Frage, wer diese seiner Meinung nach gewonnen hat) und in Edinburgh radelt der Touristin ein junger Mann mit einem weißblau „Yes, yes, yes“ umkränzten Fahrrad über den Weg. Immerhin. Aber auch in, laut Eigenwerbung, „Großbritanniens (!) schönster Stadt“ sind die Schotten in Sachen Referendum vor allem schweigsam, als müssten sie ihre Entscheidung noch in ihrem Herzen bewegen, ehe sie etwas dazu sagen können.
Und vielleicht ist es ja gut so. Gut, dass der kalte, nasse Wind, ach was, Sturm, der in diesem Spätsommer über Schottland pfeift und die Touristin naturgemäß nicht froh macht, die Schotten noch schweigsamer macht, als sie ohnehin sind. Auch zueinander sagen sie nur „Mmmpf“ – mit britischer stiff upper lip.

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