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Wyssozki

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Von: Judith von Sternburg

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In der Fernsehserie „ZERV“ spielt auch der Kassettenrekorder eine Rolle.
In der Fernsehserie „ZERV“ spielt auch der Kassettenrekorder eine Rolle. © Imago

Das Fingerspitzengefühl ist noch da: Von Rekordern, Kassetten und einer besonderen Aufnahme.

In der glänzend besetzten Nachwendezeit-Fernsehserie „ZERV“ gibt es eine Szene, in der für die nicht genehmigte Verkabelung eines Lockvogels lediglich ein Kassettenrekorder zur Verfügung steht. Der Lockvogel rollt die Augen zum leeren Himmel, Thorsten Merten ist gut darin wie nur wenige sonst: unlärmig zu klären, dass Optimismus in bestimmten Momenten idiotisch ist, „ruchlos“, wie Schopenhauer sagen würde.

Der Optimist: Fabian Hinrichs natürlich, seinerseits perfekt darin, aus tief verborgener Depression heraus Elan zu verbreiten. Die Szene selbst ist nicht zu sehen, wie auch. Mit einem Kassettenrekorder unterm Pulli heimlich mitzuschneiden: Wer es je im Leben ausprobiert hat, weiß, dass das nicht klappt.

Der Wessi zeigt dem Ossi aber frohgemut die beiden Tasten, die rote und die andere, die man braucht, um den Kassettenrekorder auf Aufnahme zu stellen. Nun, die kennt der Ossi auch. Nun, an die erinnern wir uns auch noch. Die beiden Tasten zu drücken, ein Vorgang (für Kinder richtig stramm), der weit in die Vergangenheit zurückgerutscht ist. Aber das Fingerspitzengefühl, das es dafür brauchte, ist noch da.

Die Zeit der selbst aufgenommenen Kassette war geprägt von Produzentenehrgeiz, technischer Unzulänglichkeit und Besitzerstolz. Der Versuch, die perfekte Kassette für die Ewigkeit herzustellen, scheiterte auf ganzer Linie, aber mit Noblesse. Noch wichtiger, weil einmaliger, die selbst aufgenommenen Kassetten, die einem zugespielt wurden. Meist von eitlen Missionaren, aber zum Teil mit Topresultaten.

Die beste davon, mit einem Meer aus einer Illustrierten beklebt, die einzige, die noch Jahre später bereit lag (mangels Geräts längst unabspielbar), war eine Wladimir-Wyssozki-Aufnahme. Ohne zu wissen, wer das war, ohne ein Wort zu verstehen, ohne Ahnung davon oder Interesse daran, was es hieß, Künstler in der Sowjetunion zu sein, erschlossen Musik und Stimme eine Welt des rauen, skeptischen, subversiven, zivilen Dagegen – und Dafür, wenn es um etwas Schönes geht.

Jahrzehnte später lesen wir mal fix eine Übersetzung im Internet. Ein Soldat in einer Kaserne. „Ich würde Kanonen und Mörser / Niemals laden, / Nicht einmal einen Schuss abgeben - / Sondern für die Kinder Tannenbäume schmücken. // Aber gerade jetzt / Ist ein Befehl gekommen - / Zu einer Niederschlagung zu gehen, / Und ich singe, / So wie immer, / Dass Kummer kein Unglück ist, / Aber bei der Übung ist es schwer - / Und im Kampf auch.“

Auf der anderen Seite: singende Wale. Der Bekannte liebte singende Wale. Das Zurückspulen war immer eine Gelegenheit, aus der Schleife auszusteigen. Man bekam aber nicht genug davon.

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