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Es gibt sicherlich einige schönere Dinge, als eine Wurzelbehandlung.

Times mager

An der Wurzel

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Wenn es um den eigenen Kiefer geht, klingt es gar nicht mehr so vernünftig, das Übel an der Wurzel zu packen.

Das Übel an der Wurzel zu packen – das klingt öde, aber vernünftig, so lange diese nicht im eigenen Oberkiefer befindlich ist. Während der Herr Zahnarzt also hochkompetent eine Wurzelbehandlung durchführte – und die Wörter Wurzelbehandlung und durchführen sind das Hinterletzte, deuten aber an, was Sache ist –, während es im Mund also klang, als würde ein Haus abgerissen, eine Tunnelbohrung vorangetrieben und ein Fabrikschornstein gereinigt, schweiften die Gedanken sicherheitshalber zum Reichtum der Sprache. Denn sagte eine Frau nicht jüngst in der Bahn zu einem Kind, es wisse ja, dass man nicht rauchen solle? Und sagte das Kind darauf nicht. Ja, sonst werde man zu einem Skelett? Und stimmt das nicht, wenngleich hinzuzufügen wäre, dass es darauf, je nach Bestattungsform, auch bei Nichtrauchern hinausläuft?

Weil Skelett ebenfalls kein schönes Wort ist, während der Zahnarzt das Übel bei der winzigen Wurzel im durchgerumpelten Oberkiefer packt, war es nun angenehmer, an das Geplapper der Teenager zu denken, die die älteren Damen und Herren der festlichen Runde in Jugendwörtern abfragten. In Jugendwörtern abgefragt zu werden, ist noch bescheuerter als in Latein oder Bio, dabei waren die Rateversuche der Erwachsenen recht clever. Napflixen klang wie Neppflixen (war ja kein Phonetikkurs) und hätte ohne weiteres das Anschauen schlechter Serien oder irgendwelcher Serien unter schlechten technischen Bedingungen bedeuten können. Die Teenager keckerten aber frech und erinnerten in diesem Vollbewusstsein, die Zukunft zu sein, an die Friseurin, die sagte, mit 30 werde man gewiss anders leben. 30 im Sinne von: mit 100 oder 110. Gut, dass die Teenager dann noch einen wirklich guten Witz beisteuern konnten: Alle ärgern sich wegen dem Wetter, außer die Germanistikstudenten, die ärgern sich wegen des Wetters.

Jüngst fragte eine mit dem Deutschen durchaus professionell verbundene Person übrigens, wie es dem weggen Zahn gehe (an der Wurzel nicht nur gepackt, sondern herausgezogen) und bezauberte mit diesem mehrfach fehlerhaften, aber quicklebendigen Sprachgebrauch.

Oh, das blute aber ganz schön, sagte nun der Zahnarzt, und später (einen „kurzen Augenblick“ später, wie es gestern Morgen der Lokführer nannte, als der Zug länger nicht weiterfahren durfte, und warum sagte er dann nicht „langen Augenblick“? Weil es einen „langen Augenblick“ nicht gibt): Oh, das blute immer noch. Das suppe, sage man unter Zahnärzten, sagte er, und hätte man sprechen können, wüsste der Zahnarzt jetzt, dass das wirklich alle, alle Leute sagen, wenn etwas Ekelhaftes vor sich geht.

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