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Isser das?

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Wunderkind

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Wie ist es, der Bruder eines Wunderkindes zu sein?

Einen Abend mit dem Bruder eines ehemaligen Wunderkindes verbracht. Man muss dazu sagen, dass aus dem ehemaligen Wunderkind ein Genie auf seinem Gebiet wurde. Auch muss man dazu sagen, dass die Taten des damaligen Wunderkindes in der bei diesem Thema total überforderten Heimatstadt des ehemaligen Wunderkindes widerhallen und von Angehörigen seiner Peergroup bis heute den ungläubigen Enkelkindern weitererzählt werden. Seiner Peergroup, muss man dazu sagen, was Alter, sozialen Status und ein Stück weit auch Interessenslage betrifft, keineswegs die Fähigkeiten. Die anderen, wissen wir aus erster Hand, hingen im Schwimmbad herum, während das damalige Wunderkind Wunder vollbrachte und, erzählte der Bruder, dabei Vokabeln lernte, weil die Mutter sich eine humanistische Ausbildung wünschte. Das Wunderkind, erzählte der Bruder, konnte der Bitte der Mutter problemlos nachkommen, ohne seine Haupttätigkeit für 1 Minute zu vernachlässigen.

Ohnehin durfte es, erzählte der Bruder, wegen seiner herausragenden Deutschaufsätze – Deutschaufsätze hatten rein gar nichts mit seinem Gebiet zu tun – ein Schulfach seiner Wahl abgeben. Es wählte Mathematik, die es weniger mochte. Als es das Fach ein Jahr später wieder aufnehmen musste – es gibt Schülerträume, die sich dann doch als Irrtum vom Amt herausstellen –, holte es den Stoff eben nach.

Der Bruder des ehemaligen Wunderkindes erzählte, wie er mit seinem Vater an der Hand die schönste Straße der Stadt entlang ging, und Menschen den Vater fragten: Isser das? Der Vater wusste natürlich, was und wer gemeint war, denn das Wunderkind machte in der Stadt bereits von sich reden. Nein, das hier ist der Sportler, sagte der Vater, obwohl er weiß Gott noch nicht aus einer psychologisch besonders geschulten Elterngeneration stammte. Der Bruder des Wunderkindes erzählte beeindruckt von dieser feinsinnigen Rücksichtnahme. Der Sportler zu sein, das habe ihm eingeleuchtet und gefallen.

Später verdiente das ehemalige Wunderkind viel Geld mit dem, was es als Genie leistete, aber der Bruder des Wunderkindes ließ sich ebenfalls nicht lumpen. Vermutlich wurde er sogar noch reicher, gründete eine große Familie und lebt in einem herrlichen Haus an einer herrlichen Stelle.

Einen Abend lang vergeblich nach einem Schatten gesucht, immer vergnügter geworden und immer weniger gewusst, was genau noch gleich Peter Schlemihls Problem war.

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