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Würfelzucker

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Von: Judith von Sternburg

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Szene aus dem Kinofilm „Voll verzuckert - that sugar film“ von 2015.
Was könnte man mit einem Päckchen Würfelzucker alles anfangen? Eine Pyramide bauen beispielsweise. Szene aus dem Kinofilm „Voll verzuckert - that sugar film“ von 2015. © Universum Film/dpa

180 Jahre Würfelzucker, das schier unzerstörbare Wunderwerk. Die Kolumne „Times mager“.

Zu den ganz still verschwundenen Dingen des Lebens gehören die Kellner, die mittellose Gymnasiastinnen mit dem Satz „Draußen nur Kännchen“ verscheuchten. Erst kamen die italienischen Kaffeespezialitäten und ging die eherne Kännchenregel dahin, mittlerweile gibt es auch fast keine Kellner mehr. Noch unbemerkter verschwanden die in Papier eingepackten Zuckerwürfel vom Unterteller, traditionell im Doppel. Finger und Ohren wissen noch, wie es sich anfühlt und anhört, das hauchzarte Knirpsen des Papiers an der rauen Zuckerwand.

Jedes Jahr am 23. Januar kann man aber das Päckchen mit dem Würfelzucker aus dem Regal nehmen, die kleinen Wunderwerke bestaunen und vergnügt daran denken, dass an diesem Tag im Jahre 1843 der findige österreichische Fabrikant Jacob Christoph Rad sich das Privileg für seine Würfelzuckerpresse gesichert hat. Damit warf er vorläufig als einziger das interessante neue Produkt auf den Markt. Die Welt hatte nicht nach Zuckerwürfeln gerufen – wie schön sich dieses Wort drehen lässt, wie ein Dominostein, je nachdem, wie man es braucht –, aber Rads Frau. Sie hatte sich wehgetan, als sie einen Zuckerhut zerkleinerte, bis dahin die übliche Darreichungsform von Zucker am Stück. Erst allmählich und parallel zur Verbreitung des Kaffees setzten sich die Würfel durch. Wer in Ermangelung von Streuzucker versucht hat, Würfelzucker zu zerstäuben, begreift warum. Ein Zuckerwürfel ist in trockenem Zustand nahezu unzerstörbar.

Der Märchenerfinder Ludwig Bechstein war insofern gut informiert, als er 1845 für sein Schlaraffenland zwar schlechtes Wetter nicht ausschloss, aber erklärte: „Wenn es hagelt, so hagelt es Würfelzucker, untermischt mit Feigen, Rosinen und Mandeln.“ Dass das gemütliche Alte einmal neu und modern war, verliert man leicht aus dem Blick. Dem Publikum muss es vorgekommen sein, als hagelte es eine mit Haselnusscreme gefüllte kugelförmige Marken-Waffel, zum Beispiel.

Das Schlaraffenland ist freilich seit jeher ein dubioser Ort. Viele wollen hin – von Andreas Zumsee bis Globi, wobei es Jahre gab, in denen der blaue Papagei auf unsereinen einen weit größeren Einfluss hatte als Heinrich Mann –, aber es ist doch immer schon gruselig gewesen, sich herumfliegende gebratene Tauben vorzustellen.

Wer in der „Sendung mit der Maus“ nicht aufgepasst hat und darum nicht weiß, wie Würfelzucker hergestellt wird, schaut bitte den Beitrag im Internet nach. Der Christoph macht erst Quatsch und geht dann zum Recherchieren in die Fabrik.

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