Die Befürchtungen wurden selten hysterisch vorgebracht, trotz der dramatischen Umstände für Künstlerinnen und Künstler, für den Kulturbetrieb
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Die Befürchtungen wurden selten hysterisch vorgebracht, trotz der dramatischen Umstände für Künstlerinnen und Künstler, für den Kulturbetrieb.

Times mager

Würde des Ich

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Das Corona-Krisenmanagement gefährdet Kunst und Kultur, bedroht ist deren Substanz.

Der Kontrollverlust kein kafkaeskes Szenario, ebenso wenig Bühnen-Unheil oder Zitterpartei im Kino, vielmehr ist er mittlerweile eingetreten, weil sich die Infektionsketten nicht mehr zurückverfolgen lassen. Beängstigend, regelrecht unheimlich – aber beharren wir auf der Sorge, die sich beredt gezeigt hat in den letzten Monaten, wie auch anders, denn das darf man von Menschen aus dem Kulturbereich erwarten.

Die Befürchtungen wurden selten hysterisch vorgebracht, trotz der dramatischen Umstände für Künstlerinnen und Künstler, für den Kulturbetrieb, für das Individuum ebenso wie für die Institution. Kunst und Kultur, zuständig für einen besonderen Blick auf die Welt, haben sich in der Corona-Krise besonnen gezeigt und Hygiene-Konzepte entwickelt. Sie haben den in Büchern oder auf Bühnenbrettern vielfach beschworenen Ausnahmezustand nicht durch einen unverantwortlichen Aufstand zugespitzt, nicht im Bühnenalltag, im Konzert, in der Oper, im Tanz, im Kino, im Schauspiel. Hier, in den vier Wänden des Kulturbetriebs, wurde der Stresstest außerordentlich zivil bewältigt.

Doch wie weiter? Erneut ist in diesen Tagen von der Systemrelevanz der Kunst und Kultur gesprochen worden. Begründet wurde das unter anderem mit dem Hinweis, dass der Kultursektor mehr Menschen beschäftige als etwa die chemische Industrie. Vergleiche, Ausdruck einer gewissen Verlegenheit, führen kaum weiter. Zumal Kunst und Kultur für sich selbst sprechen können. Geht es doch in der Kunst weniger um Systemrelevanz, vielmehr um soziale Relevanz wegen der Ichrelevanz der Kunst,die wiederum zurückwirkt auf deren Sozialrelevanz.

Es komme, hieß es zuletzt in den dringlichen Appellen an die Bevölkerung, auf jeden Einzelnen an, jede Einzelne. Man mag dies für eine etwas flaue Formulierung halten, allerdings ist sie nicht so trivial, dass man den Gedanken nicht aufgreifen möchte. Sind doch Kunst und Kultur zuständig für das Einzelne, den Einzelnen, die Einzelne. In Kunst und Kultur ist das Ich nie ganz so allein wie im Leben häufiger. Es ist vielleicht nicht glücklich allein – aber es ist gefordert, also auf keinen Fall ganz allein. Das Ich steht sich im Schauspieler, in der Erzählerin, in der Figur auf der Bühne oder auf der Leinwand gewissermaßen gegenüber.

Eine Politik, die sich nicht in der Lage sieht, für Kunst und Kultur, die soziale Verantwortung, das heißt materielle Sicherung zu gewährleisten, verhält sich asozial, angefangen mit der größten Ressource der Künste, ihrem Ichbewusstsein. Durch die Coronabewältigungsstrategien steht die Existenz der Künste und der Kultur auf dem Spiel - damit die Würde des Ich.

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