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Wokwurst

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Von: Stephan Hebel

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Nichts gegen den Wok, aber gerade weil wir ihn integrieren wollen, müssen wir uns unserer eigenen Identität bewusst sein. Unsere Wurst kommt nur in die „Pfanne Deutschland“.

Was jetzt kommt, sollte keineswegs als Klage über lautes Telefonieren in vollen Zügen missverstanden werden. Es gilt vielmehr neutral und emotionslos zu berichten, dass ein mitfahrender Herr in den reiferen Jahren sehr erfreut war, nach langer Kur, wie er öffentlich brüllend betonte, endlich wieder nach Hause zu reisen. Sogar Herzschmerzen verspüre er vor Aufregung, allerdings auch Hunger, denn er habe, nach einem reichhaltigen Frühstück, vor der Abreise nur noch „zwei Currywürste“ verzehrt und müsse nach der baldigen Ankunft unbedingt essen gehen. Es war noch nicht ganz 15 Uhr.

Fast zeitgleich tauchte aus der aktuellen Zeitung ein Warenhaus-Prospekt auf, und es muss der Gedanke an Currywurst („Brat-“!) gewesen sein, der den Blick auf die Pfanne „Deutschland“ fallen ließ. Sofort spürten wir die geistig-moralische Wärmeentwicklung, die auf deutschem Pfannenboden entsteht. Gerade in diesen Zeiten erschien es uns als vorbildlich, sich auch im Haushalt zur Heimat zu bekennen. Die Fantasie schweifte zu möglichen Folgeprodukten wie dem Schland-Schmand, der jede Bratensoße volksnah verfeinert, oder einem noch zu entwickelnden Volks-Handspülmittel, vertrieben von „Bild“ und versehen mit einer Geruchsmischung aus deutschem Wald und Diesel.

Den tieferen Sinn der Deutschland-Pfanne aber erkannten wir im Wok. Das Gefühl der Fremdheit, das der Edelstahl-Einwanderer oder auch sein gusseiserner Geselle auslöst, erschließt sich ja bereits aus dem Namen: Wok! Wer sich auch nur ein wenig auskennt im Sprachschatz der Deutschen, spürt auf der Stelle, dass etwas nicht stimmt: Warum heißt der Migrant aus dem Reich der Mitte nicht „Wock“, wie es sich gehörte – siehe „Bock“(wurst)?

Nun versuchen Sie bitte nicht, das Problem zu verharmlosen, indem Sie auf einen Begriff wie den „Dok“ verweisen oder gar auf „ok“. Der Dok, das sollten Sie wissen, stammt selbst aus dem (lateinischen) Ausland und stellt im übrigen eine Vorsilbe dar, die ein „-tor“ nach sich zieht, womit sich jeder Wok-Vergleich erübrigt. Das Gleiche gilt für das „ok“, auch wenn das gar nichts nach sich zieht, aber irgendwie etwas anderes als der Wok ist es auf jeden Fall und außerdem eine Abkürzung sowie englisch.

Nichts gegen den Wok, aber gerade weil wir ihn integrieren wollen, müssen wir uns unserer eigenen Identität bewusst sein. Wenn deutsche Fachgeschäfte in aller Öffentlichkeit den „Wok Wuhan“ anpreisen, dann kann man nur antworten: Unsere Wurst kommt nur in die „Pfanne Deutschland“. Deutschland Wokwurst-Land? Niemals!

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