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Wohl

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Von: Stephan Hebel

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Wer Hygge lebt, sieht überall nur glückliche Gesichter.
Wer Hygge lebt, sieht überall nur glückliche Gesichter. © Martin Schutt/dpa

In der Hygge-Hose unterm anspruchsvollen Dachfenster: ein tolles Gefühl, und nachhaltig ist es auch.

Es ist ja nicht so, liebe Leserinnen und Leser, als stellte sich in diesen Zeiten automatisch ein nachhaltiges Wohlbefinden ein. Da Sie aber in Ihrer großen Mehrheit nicht unter der sengenden Sonne des Klimawandels der Vernichtung Ihrer Umgebung durch Artillerie beiwohnen müssen, sind Sie eine derzeit noch lohnende Zielgruppe für alle, die versprechen, sich um Ihr nachhaltiges Wohlbefinden (und, Marktwirtschaft!, ihr eigenes) zu kümmern.

Schon vom „Wording“ her, wie das heute heißt, macht das nachhaltige Wohlbefinden glücklich. Wohlbefinden ist klar, das wollen alle. Aber nachhaltig! Es gibt wohl momentan kein anderes deutsches Wort, das in ähnlicher Weise durch vollkommen beliebigen Gebrauch für alles Mögliche fast jede reale Bedeutung verloren hat, aber irgendwie vernünftig und (noch ein fast so schönes Wort) zukunftsfähig klingt, ohne irgendetwas Konkretes auszusagen. Auf gut Deutsch: ein Best Case für Werbetreibende.

Was also können wir Ihnen für Ihr nachhaltiges Wohlbefinden empfehlen? Nach gewissenhafter Durchsicht der stetig hereinströmenden Empfehlungen zweierlei.

Erstens, leider nur für etwa die Hälfte der Leserinnen und Leser: nachhaltige Männermode zum Wohlfühlen. Die kommt aus Dänemark und wird von drei Herren angeboten, die auf ihrem Werbefoto in stinknormalen Anzügen grinsen, obwohl sie angeblich eine Hosenmode verkaufen, „die schlicht bei jedem Anlass getragen werden kann – sei es auf der Couch nach Feierabend, im Büro oder beim Feiern im Club“.

Unsereins hätte ja zuerst „im Büro“ hingeschrieben, das kommt nämlich meistens vor dem Feierabend, aber egal. Im Übrigen empfiehlt Ihre FR: Duschen (kurz!) und umziehen nach dem Büro ist auch nicht schlecht, gerade bei Hitze. Aber auch egal.

Die drei Männer haben in Frankfurt am Main einen „Monobrand-Store“ eröffnet, und jetzt kommt’s: „Auf 157 Quadratmetern kann man das Hygge-Gefühl tatsächlich erleben.“ Wunderbar. Hygge, das dänische Glücksgefühl, original aus dem Land sozialdemokratischer Antiflüchtlingspolitik, auf Deutsch: „nachhaltiges Wohlbefinden“!

Kurz noch der zweite Tipp: „anspruchsvolle Dachfensterlösungen“. Auch sie kommen aus Dänemark und sind nach bisher unwidersprochenen Angaben des Herstellers geeignet, „mehr Nachhaltigkeit im Wohnbereich mit einem positiven Glücksgefühl zu verbinden“ (Anm. d. Red.: nicht etwa mit einem negativen Glücksgefühl!), also mit, Zitat: „Hygge“. Wohl bekomm’s.

Da sitzen Sie dann also mit Ihrer Hygge-Hose unterm anspruchsvollen Dachfenster und verspüren ein nachhaltiges Wohlbefinden. Sie sollten nur nicht Zeitung lesen.

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