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Gretchen, gehasst.

Times Mager

378 Wörter

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Hundert Autorinnen und Autoren sollen jeweils 1000 Wörter lang über sich schreiben. Eine Herausforderung.

Wer einmal mit C. (Anfangsbuchstabe von der Redaktion geändert) über ein Buch gesprochen hat, versteht vollumfänglich, was damit gemeint ist, dass der Text nicht beim Schreiben, sondern beim Lesen entstehe. Spricht C. über Angelika Klüssendorfs „Das Mädchen“, spricht sie über den frühen Tod ihres Vaters und die schlimmen Auswirkungen, die das für ein Kind habe, dann mit großer Liebe über ihre hart arbeitende Mutter, schließlich kommt sie auf das Thema Toilettenerziehung in den 40er bis 60er Jahren und auf ihren Hass gegen die katholische Kirche. C.s Hass gegen die katholische Kirche ist bestens begründet, und er ist mit das Fesselndste an den meisten Gesprächen mit C., dabei spielt es keine Rolle, dass in „Das Mädchen“ keine Geistlichen vorkommen. Soweit ich mich erinnere. C. bedankt sich am Ende des Gesprächs für den großartigen Lesetipp. Nichts, sagt C. gerne, gebe ihr im Leben so viel wie Literatur.

So weit die Lage. Dennoch greift der Verlag Diaphanes genau 50 Jahre nach Michel Foucaults Vortrag „Was ist der Autor“ – dies wiederum eine Reaktion auf Roland Barthes „Tod des Autors“, einer Person, die für C. gewissermaßen nie existiert hat oder immer schon fiktiv war – das Thema erneut auf. Diaphanes bittet hundert Autorinnen (!) und Autoren „unterschiedlichster Sprache und Herkunft“ um genau 1000 Wörter lange Ich-Erzählungen. Diese sollen in mindestens eine weitere Sprache übersetzt und sodann ohne Namen und Kenntlichmachung des Originals in die Welt gesetzt werden. Die 1000-Wörter-Anforderung dürfte ein Höllenritt für die Übersetzer sein (das Times mager hat sich auf 378 Wörter festgelegt, schwierig genug). Das Publikum kann und soll seine eigenen Schlüsse ziehen, wer gerne Ratespiele spielt, wird auf seine Kosten kommen – mehr zum Projekt und zur geplanten Veröffentlichung im November unter www.diaphanes.de. Interessant, dass das interessant ist, obwohl ein nicht unbedeutender Teil von Texten gegenwärtig anonym und frei in der Gegend flottiert. Vor langer, langer, sehr langer Zeit war es schon einmal so. Andererseits zeigt sich parallel dazu, wie noch das verhuschteste Internetpseudonym sich nicht nur Aufmerksamkeit wünscht, sondern ein Profil und Leser mit Gedächtnis und Zuneigung.

P. (A. v. d. Red. geänd.) geht gerne ins Theater. Sie hasst Gretchen dafür, dass sie ihrer Mutter die tödlichen Tropfen verabreicht, selbst wenn sie es nicht böse meint. Gretchen konzentriere sich nicht auf das Wesentliche, sagt P., und da ist etwas dran.

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