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Stars von einst wie Teddy und Puppi müssten, Pardon, ihre Perlen vor die Säue werfen.

Times mager

Wölkchen

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Das meiste, was Erwachsene damals sangen oder taten, ergab auf Anhieb nicht viel Sinn.

Jüngst war hier von der Ostsandmännchenmelodie und der Westsandmännchenmelodie die Schreibe. Und es ist, ganz offen gesagt, eine Unverschämtheit, dass gewisse Textverarbeitungsprogramme die beiden Begriffe immer noch mit roten Schlangenlinien als falsch markieren, obwohl sie in einem Qualitätsmedium standen. Das nur am Rande.

Nichts gegen die Ostsandmännchenmelodie, aber wer mit der Westsandmännchenmelodie aufgewachsen ist, wer praktisch jeden Tag vom Westsandmännchen ins Bett geschickt wurde, dem ist dieses Lied doch erheblich näher als alles, was die Welt damals sonst noch sang. Man darf so weit gehen zu sagen, dass dem jungen Zuschauer die Existenz zweier verschiedener Sandmännchen seinerzeit völlig unbewusst war. Sie wäre auch schwer vermittelbar gewesen, beinahe so schwer wie das Vorhandensein zweier Weihnachts- oder Mondmänner, die obendrein in jeweils unterschiedlichen Gesellschaftssystemen agiert hätten.

Das junge Sandmännchenpublikum war, in Relation zur Dauer seines bisherigen Gesamtlebens, über einen derart langen Zeitraum mit dieser bärtigen Figur konfrontiert, dass es sich fast keine andere Instanz vorstellen konnte, die genug Autorität gehabt hätte, es – obwohl glockenhellwach! – ins Bett zu komplimentieren. Deshalb wunderte es sich kaum über den seltsamen Text, den die Leute im Fernsehen dazu sangen: „Kommt ein Wölkchen ahangeheflogen, steht ein Weilchen fort, und der Mond am Hihimmehel droben hält er weich und warm. Abend will es wieder werden, alles geheht zur Ruh, und die Kinder auf der Erde machen bahald die Äuhäuglein zu. Doch zuvor, Hundlein, Hundlein, ho, das Sandmännchen ist da.“

Da dürften heutige Leserinnen und Leser Einwände haben, was die Textgestaltung angeht, aber diese Version ist nachweislich jene, die im engsten Umfeld (1 Person, ca. 3 bis 5 Jahre alt) gesungen wurde. Dass es nicht „Hundlein, Hundlein, ho“ hieß (sondern „Von fern und nah ruft’s“) und sich manch Ungereimtheit mehr eingeschliffen hatte, wurde dem Wohnzimmerinterpreten erst viel später bewusst.

Aber das meiste, was Erwachsene damals sangen oder taten, ergab auf Anhieb nicht viel Sinn. Und die Zeiten haben sich geändert. Ein Appell wie „Nun, liebe Kinder, gebt fein acht, ich hab euch etwas mitgebracht“ würde heute vermutlich niemanden mehr hinter der Playstation hervorlocken. Die Stars von einst, Piggeldy und Frederick, Kater Felix, Hilde, Teddy und Puppi – sie müssten, Pardon, ihre Perlen vor die Säue werfen. Weshalb sie längst abgedankt haben.

Mal was anderes: Wo ist eigentlich das Sandweibchen?

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