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Die Wettervorhersage wird in der Mitte der 1520er Jahre zum Ratgeber, zum Zeugnis des Aberglaubens, zum raunenden Menetekel, das Unheil ankündigt, oder aber sie wird zum Anzeichen der Hoffnung.

Times mager

Witterung

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Um 1505 ist die Zeit der Wettervorhersage gekommen. Sofort reden alle mit.

Auch die leidige Sache mit dem Wetter will man eines Tages nicht so einfach auf sich beruhen lassen, obwohl man es weiterhin hinnehmen muss, wie es sich dann faktisch entwickelt. Aber das hätte man von nun an ganz gerne auch vorher gewusst. Dem Wetter zusehend, fängt man also an, Daten zu sammeln.

Um 1505 ist die Zeit der Wettervorhersage gekommen. In Leonhard Reynmanns „Wetterbüchlein“ rückt das Wetter dank einer für die Frühe Neuzeit typischen Erfindung zwischen zwei Buchdeckeln in den Fokus. Nur drei Jahre später erscheint, ebenfalls auf frühneuhochdeutsch die „Bauernpraktik“. Auch mit ihr wird Witterung aufgenommen.

Wie das geschieht, ist das Vertrauen in das gedruckte Wort offenbar riesig. In den folgenden 300 Jahren erlebt die Witterungsprognostik beinahe 60 Auflagen. Denn es ist schon (noch) so, dass die tägliche und alljährliche Erfahrung, die der Bauer auf dem Feld macht, weiterhin einen guten Ruf hat. Sie hat das Image einer „Meisterin der Kunst“. Zur „Kunst“ selbst wird die Spekulation gezählt, die hochgerechnete Vorhersage, wie sie auf der Basis von empirisch zusammengetragenen Fakten zustande kommt. Nicht nur für den Bauern wird das Wetter zu einem weiten Feld der Beobachtung und Berechnung. Was dabei an Datenmaterial ausgesät wird, erntet die Mutmaßung.

Seit dem frühen 16. Jahrhundert geht man so vor, empirisch sowie spekulativ. Weil man sich enorm viel von diesen Vorhersagen in einer Zeit der Ungewissheit, in einer Welt der Unsicherheiten verspricht, kommt es seit Mitte der 1520er Jahre regelrecht zu einem Boom.

Er beschränkt sich nicht nur auf die Witterungsprognostik. Sie kommt auch auf Kalendern und Almanachen zur Geltung. Die Wettervorhersage wird zum Ratgeber, zum Zeugnis des Aberglaubens, zum raunenden Menetekel, das Unheil ankündigt, oder aber sie wird zum Anzeichen der Hoffnung. Allerdings stehen die Zeichen, an die der Mensch des 16. Jahrhunderts glaubt, und noch glaubt er fest, überhaupt nicht gut.

Das hat, wie wetterfühlig der Frühneuzeitmensch auch sein mag, nicht so sehr mit dem Wetter zu tun als vielmehr mit einer allgemeinen Mentalität. Gäbe es heute, praktisch postfaktisch, die Möglichkeit, im Frankfurt des 16. Jahrhunderts eine Straßenumfrage durchzuführen, fielen natürlich umgehend die Stichworte Temperatursturz, kleine Eiszeit.

Objektiv ist es zu einer solchen Straßenszene vor 500 Jahren niemals gekommen. Obwohl der Mensch, windige Prognosen hin oder her, zum Klimawandel ungemein viel hätte sagen können.

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