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Wintergemüse

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Von: Sylvia Staude

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Rotkohl und Weisskohl auf dem Feld. So langsam endet die Saison des Wintergemüses.
Rotkohl und Weisskohl auf dem Feld. So langsam endet die Saison des Wintergemüses. © Silke Rottleb/imago

Dort steht noch Rotkohl und Rosenkohl, hier jubiliert schon eine Lerche.

Am Ende der Wohnstraße einmal um die Ecke gebogen, da sieht man noch den wippenden weißen Puschel eines Hasen. Beobachtet, wie er kurz stehen beziehungsweise sitzen bleibt, den Menschen aufmerksam betrachtet mit glänzenden Augen – oder bildet man sich das nur ein, schaut er in Wahrheit ganz woandershin? Auf jeden Fall bildet man sich ein zu sehen (unmöglich auf diese Entfernung!), dass Nase und Barthaare sich witternd bewegen. Man nähert sich ihm. Ein, zwei Meter, noch ein, zwei Schritte, da trabt er schon davon. Wir schreiben trabt, obwohl wir natürlich wissen, dass Hasen nicht traben, weil uns springen oder hoppeln zu aufgeregt erscheint für sein lässiges Weiterlaufen.

Indessen jubiliert über den Köpfen von Hase und Mensch eine Lerche. Und flugs überlegt der Mensch, warum man gerade der Lerche ein Jubilieren zuschreibt, obwohl ihre Gründe für den koloraturenreichen, darum wohl so optimistisch wirkenden Gesang auch keine anderen sein dürften, als ihre Vogelkolleginnen und -kollegen sie haben: Partnersuche und Familiengründung. Noch gibt es auf den Feldern keine Halme, zwischen denen die Lerche ihr Nest verstecken könnte, aber sie baut, ganz klar, auf den Fortgang der Dinge und des Wachsens des Getreides.

Wer unter einer Pollenallergie leidet, wird anderes erzählen, aber es kommt der Spaziergängerin so vor, dass es außerhalb der Gärten noch nirgendwo auch nur eine Blüte gibt. Dafür auf der Anbaufläche eines Biobauern noch die Reste des Wintergemüses, das es bald im Hofladen nicht mehr geben wird; oder jedenfalls nicht mehr mit dem Schild „Aus eigenem Anbau“. Der Rotkohl hat lange Hälse bekommen, man wundert sich, dass sie nicht umknicken, die Knospen des Rosenkohls haben eine ungewohnt elliptische Form, der Lauch beginnt sich von außen herbstgelb zu färben. Aber da: Von irgendwo ist ein Schneeglöckchen ausgebüxt und hat sich am Rand des Feldes angesiedelt. Ein ganzes Büschel von Blüten also.

Die, die sich an Blüten freuen, sind auch schon unterwegs. Auf dem Balkon wird das Insektenhotel umschwirrt und frisch bezogen, als wäre eben auf Mallorca ein Ferienflieger mit Gästen angekommen. Röhren, die vor Tagen noch ein zementfarbiger Kitt verschloss, sind freigeräumt. Sie werden probeweise angeflogen, als sei man sich noch nicht sicher, ob die Wohnung im dritten oder fünften Stock einem besser zusagt. Im Getümmel landet ein kleiner bepelzter Brummer auf dem Menschenkopf, was vermutlich beide ein wenig erschreckt, den Menschen aber mehr. Der schilt sich sogleich für seine Hasen- oder vielmehr Menschenfüßigkeit.

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