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John Hurt als Winston Smith in "1984".

Times mager

Winston Smith

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John Hurt war Winston Smith, es konnte keinen anderen geben: Grauer Mann, nicht alt, doch bedrückt.

Weil das in den vergangenen Tagen vielleicht doch ein bisschen untergegangen ist: John Hurt ist gestorben. John Hurt, der britische Schauspieler. Nein, nein, klar, das wurde durchaus zur Kenntnis genommen und berichtet, überall, wo es wichtig ist. Die Welt hat davon erfahren, natürlich. Aber da fehlte doch etwas, merkt das niemand?

Das war doch nicht alles. John Hurt war ja nicht nur der Mann aus „Alien“ und „Harry Potter“. John Hurt war doch nicht nur der „Elefantenmensch“ und nicht nur der Ritter, zu dem ihn Elizabeth II vorletztes Jahr schlug. John Hurt ist auch nicht nur der alte Mann, der jetzt posthum in „Jackie“ durch die Kinos priestert.

Für uns, die wir in der Schlussphase unserer Schulzeit dem Jahr 1984 entgegen lernten – und nicht vergessen, wir waren die meisten, unser Jahrgang wird auch immer die meisten bleiben, egal was, Tumult im Kreiswehrersatzamt, Rente mit 67 – für uns geboomte Babys also war John Hurt stets und vor allem: Winston Smith. Held, Antiheld aus „1984“.

„It was a bright cold day in April, and the clocks were striking thirteen.“ Nie wird die Generation Englisch-Leistungskurs, frühe Achtziger, diesen ersten Satz vergessen. Irgendein Blödkopf muss die Originallektüre in den Jahrzehnten nach dem Abi aus dem Bücherregal entfernt und durch die deutsche Fassung ersetzt haben. Wie zum Hohn steigen jetzt dicke Staubflusen von dem grünen Klassiker auf und schweben direkt in die Kaffeetasse. Dustcrime.

Man konnte damals, beim Lesen, nicht ahnen, wer die Hauptrolle spielen würde in der Verfilmung, die 1984 anlief. Als das Publikum dann John Hurt auf der Leinwand sah, stand sofort fest: Das war Winston Smith, es konnte keinen anderen geben. Grauer Mann, nicht alt, doch bedrückt, Zweifler, dann Hoffender, dann Verzweifelter.

Die Begriffe aus George Orwells Roman sind denen, die sie auf Englisch lernten, präsent wie eh und je. Newspeak, thoughtcrime, doublethink, facecrime, ownlife, sexcrime – die Sprache der Unterdrücker in einem Regime, das auf totale Kontrolle setzt. Alternative facts waren nicht dabei, aber als Donald Trumps Pressefrau sie jüngst zur Welt brachte, die alternativen Fakten, da fügten sie sich sekündlich ein, passgenau in Orwells düsterste Visionen des Missbrauchs der Sprache.

Auch das wurde berichtet, vorige Woche. Und ebenso sekündlich stand „1984“ wieder oben auf den Bestsellerlisten. Das war am 25. Januar 2017. Das war der Tag, an dem John Hurt starb. Das kann kein Zufall sein. Das musste noch einmal gesagt werden.

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