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Früher empörte man sich, heute macht man hier Selfies: Damien-Hirst-Statuen in Doha.

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Wer kann sich heutzutage wie viele echte Damien Hirsts leisten?

Vierzehn gigantische Skulpturen des Briten Damien Hirst sind seit einiger Zeit vor dem hochmodernen Sidra-Krankenhaus für Kinder und Frauen in Doha, der Hauptstadt von Katar, zu sehen. Jedenfalls stehen sie davor. Zu sehen waren sie bisher nur kurz, dann nicht mehr, nun seit ein paar Tagen wieder. Bei der ersten Enthüllung 2013 waren die Proteste erheblich. Jetzt scheint sich die Lage beruhigt zu haben. Krankenhausmitarbeiter berichten, dass die Menschen anfangen, sich vor den Skulpturen fotografieren zu lassen. Es ist ein ungewöhnliches Fotomotiv, man kann praktisch nicht anders, und man sieht wieder, wie die Gelegenheit zu Handyfotos – einmal wertfrei gesagt – Bedenken, Sitten und Gebräuche überspringt.

Zu sehen sind Föten im Mutterleib in verschiedenen Stadien. Die Empörung von 2013 zielte vor allem auf die Darstellung nackter Körper. Darüber ging verloren, dass das Natürlichste der Welt zu sehen ist und zwar dergestalt, wie eine Kommentatorin des „Guardian“ jüngst anmerkte, dass man sich fürderhin keine Gedanken mehr darüber machen müsse, wie man Kinder in das Geheimnis der Menschwerdung einweihen solle. Man sehe es ja nun en detail, ausführlich und unverbrämt. Darüber ging freilich auch verloren, dass ich als Kind vermutlich wochenlang Alpträume davon gehabt hätte. Sicher nicht, weil die Skulpturen so erschütternd glasklar zeigen, wie wir geworden sind, was wir sind. Das ist großartig und auch schlankweg interessant. Sondern weil die schiere Größe uns auch zu den Aliens und Monstern macht, die wir zwar von außen betrachtet zweifelsfrei sind. Aber darüber muss man angesichts eines Ultraschallbildes nicht nachdenken.

Wer es jetzt aber zu typisch findet, dass es Araber waren oder sind, die keine nackten Föten vor einer Frauen- und Kinder-Klinik aushalten, sei daran erinnert, dass auch die Bewohner des westenglischen Ilfracombe (hier in der Nähe wohnt Hirst selbst) eine Weile brauchten, sich an seine Statue „Verity“ zu gewöhnen. Sie steht seit 2012 als Dauerleihgabe am Strand und zeigt eine sehr, sehr große Schwangere mit einem Schwert, und auch da ist viel zu sehen und war durchaus aggressiv von einer Verletzung des Anstands und von einem Monstrum die Rede. Bei einem Besuch des „Guardian“ in diesem Spätsommer wirkten die Ilfracomber auf den Reporter jedoch versöhnt. Der Souvenirverkäufer freute sich darüber, dass er seither so viele kleine Schwerter verkaufe, und Totenköpfchen. Es komme halt ein ganz anderes Publikum.

Der wesentlichste Unterschied scheint am Ende zu sein, wer sich heutzutage wie viele echte Hirsts leisten kann. Der Europäer ist etwas abgeschlagen.

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