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Antike Statuen auf der Insel Delos. Die Griechen waren es, denen einst der Gedanke an Europa aufging. 

Times mager

Wiedergeburt

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Die Erschaffung Europas während der Hochkonjunktur des Humanismus ist eine sehr, sehr vieldeutige Lektion.

Die Dinge waren nicht eindeutig. Das lag auch daran, dass zur grenzenlosen Neugier ein unbefangener Blick zählte. Bei dem wollte man sich nicht verschließen, denn sonst hätte man sich einer sehr vielfältigen und vieldeutigen Welt verweigert.

Den Humanisten ging vieles auf – dabei schaute der Humanismus stark zurück. Die Rückschau war so etwas wie eine Wiederentdeckungsbewegung, um sich in der Gegenwart besser orientieren zu können. Den Humanismus musste man bald so verstehen, dass er nicht am bisher Gängigen und lange Zeit Naheliegenden interessiert war, während er eine neue Welt an Gedanken und Ideen erschloss.

Der Rückblick galt sehr stark einem heidnischen Erbe. Die Recherchen brachten ein Reservoir an heidnischen Autoren hervor, angefangen mit den alten Griechen. Die Wiederentdeckung der antiken griechischen Texte geschah im Zuge von Flucht und Vertreibung. Die Migration des Wissens ergab sich durch die osmanische Expansionspolitik, ausgelöst durch die Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453. Auch in den nachfolgenden Jahrzehnten war es die Eroberung der Osmanen, die Gelehrte buchstäblich vor sich hertrieb und damit Wissen in Bewegung setzte.

Bedeutend für den Wissenstransfer von Südosten nach Westen wurde die Balkan- und Mittelmeerroute. Dass die Migration zur europäischen Wissensgeschichte gehört, ist nicht neu, aber dem europäischen Gedächtnis stark entfallen. Der Gedächtnisverlust gilt überhaupt für ein Europa zu einer Zeit vor rund 500 Jahren, als sich Europa zu dieser Zeit selbst entdeckte, wiederentdeckte, nach 2000 Jahren, zur Zeit der Griechen, denen der Gedanke an Europa aufging.

Die Europa-Renaissance um 1500 geschah in einer Welt, als diese sich ein neues Weltbild machte auch anhand ihrer Europakarten, auf denen Jerusalem, den Karten des Mittelalters noch als Zentrum der Welt eingeschrieben, zur Peripherie wurde – oder gar verschwand. Nicht Jerusalem hatte der Renaissancepapst Pius II. im Visier, als er 1460 zu einem weiteren Kreuzzug aufrief – vergeblich mobilisierte – und dabei an einen Feldzug gegen die Osmanen dachte.

Pius war es, der einen „heiligen Krieg“ propagierte und dabei auf das seit langem abhanden gekommene Wort „Europa“ zurückkam. Natürlich hatte die Wiederentdeckung (und Renaissance) Europas auch mit derjenigen der ganzen Welt zu tun, mit der europäischen Expansion, der Überschreitung der bis dahin gekannten Horizonte. Hinzu kam, dass nicht nur hinterm Horizont die osmanische Expansion verharrte. Die Erschaffung Europas während der Hochkonjunktur des Humanismus ist eine sehr, sehr vieldeutige Lektion.

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