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Mit 90 wird man nicht alt, man ist es.
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Mit 90 wird man nicht alt, man ist es.

Times Mager

Wie es ist

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Dem Altern lässt sich wahrscheinlich nur mit Realismus begegnen.

Heute, ein Dienstag im Dezember, ein 90. Geburtstag. Auf die Frage nach so einem Alter lässt sich die eine oder andere ehrliche Antwort geben. Eine wahrhaftige ist die, dass das Schicksal sehr launisch sein kann – das erklärt den Wunsch: Schmerz lass nach. Seit Jahrzehnten ist er täglich präsent im Körper. Deshalb wünscht sich der klare Kopf: Schmerzen lasst nach, es wäre ein Geschenk.

Ein Besuch meiner Mutter, heute, ist ausgeschlossen, im Wohnstift strenge, verschärfte Zugangsbestimmungen, sehr vernünftig, aber auch schaurig und, ach, noch mehr traurig. Doch wir wollen nichts auf Spiel setzen, sagt meine Mutter, deshalb ein Geburtstagsgespräch via Internet. Vor miteinander vernetzten Bildschirmen die Familie in ihren jeweils eigenen vier Wänden, wie in einem oberflächlichen Film. Alles andere als leichtherzig die Frage: Wie geht es dir?

Ihren großartigen Text über „Das Alter“ begann die italienische Schriftstellerin Natalia Ginzburg (1916–1991) folgendermaßen: „Jetzt werden wir das, was wir nie zu werden gewünscht haben: Wir werden alt.“ Allerdings ist es so, mit 90 wird man nicht alt, man ist es. Hat man Glück, geschieht es irgendwann über 65, aber dann ist man mit 90 auch schon seit einem Vierteljahrhundert alt, so dass man sich mit Ginzburg sagen muss: „Das Alter haben wir uns weder gewünscht noch erwartet, und wenn wir versuchten, es uns vorzustellen, so immer in oberflächlicher, ungenauer und zerstreuter Weise.“

Genau betrachtet, kann man es sich im Alter nicht einrichten, gemütlich erst recht nicht. Das Alter ist kein geduldiger Gesprächspartner. Es fällt einem ständig ins Wort. „Das Alter bedeutet für uns vor allem das Ende des Staunens“, sagt Ginzburg: „Wir werden uns über nichts mehr wundern, obschon wir unser Leben damit verbracht haben, uns über alles zu wundern.“ Was aber ist Staunen? Altern ist wahrhaftig nicht nur ein Stutzen, sondern eine illusionslose Zukunftskompetenz, die sich (wir) Kinder nicht so genau vorzustellen wagen. Und die die Enkel und Enkelinnen eher verwundern darf als befremden muss.

Im Alter ist die Zukunft eine andere geworden, sie wird immer zudringlicher. Alter bedeutet Realismus. Es ist, wie es ist. Erst recht in der Corona-Krise ist der Absolutismus der Wirklichkeit noch allgegenwärtiger geworden. Schon über die übliche Umwelt, deren Ungerechtigkeit, hat sich meine Mutter oft nur wundern können. Widerspruch dann! Nun aber wollen wir nichts auf Spiel setzen, wiederholt sie während der jüngsten Telefonate: Denn an Corona will keiner von uns sterben. Damit spricht sie nicht nur für sich. Sehen und sagen, wie es ist. Machen wir uns nichts vor, altern ist so.

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