1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Das Wetter beim Namen nennen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

Nordengland ist von einer weißen Schicht überzogen.
Nordengland ist von einer weißen Schicht überzogen. © afp

Die Engländer sprechen über "das Biest aus dem Osten", hierzulande wird es wenigstens wärmer.

Wir sind in den vergangenen Wochen alle Engländer geworden (jedenfalls, wenn es zur Grundausstattung des Engländers gehört, dass er stets als erstes übers Wetter redet, wenn er einen anderen Engländer trifft. Allerdings wäre es derzeit auch ein Wunder, würden die Briten nicht zuallererst übers Wetter reden, sind sie doch wahrhaft heimgesucht von „the beast from the east“). Seit jedes einigermaßen außergewöhnliche Wetterphänomen bereits getauft ist, ehe es über uns hereinbricht, ist die Unterhaltung einerseits einfacher, andererseits etwas albern geworden.

Denn war das auf dem Odenwälder Waldweg Friederike, die mit dem harmlos-traditionsreichen Vornamen, die Wanderern ganze Bäume, dicke Stämme vor die Füße geschmissen hat? Da erinnert sich einer auch schon an die gar nicht linde Burglind, an Xavier (nicht zu verwechseln mit Xaver, Dezember 2013). Es funktioniert aber bei Orkanen offensichtlich nicht wie bei Rumpelstilzchen, sie nämlich zu bannen, indem man sie beim Namen nennt – obwohl sie sich aufspielen wie eben jenes. Vielleicht sind es auch einfach die falschen Namen.

Zu Ehren kam aber in diesem Winter ein unscheinbares Wort, eines, das dem gerade herrschenden Wetter sein positives Restlein, seinen feinen Silberstreif abzugewinnen verstand wie kein anderes: wenigstens.

Wenigstens rutscht man nicht, hieß es, als es heftig regnete, aber nicht fror. Wenigstens regnet es nicht, sagte man, als es kräftig schneite. Wenigstens versinkt man nicht im Schlamm, als der Frost kam. Und die Schuhe bleiben sauber. Ein eisekalter Wind pfiff übers Land, aber wenigstens war die Luft klirrend klar wie Glas und der Heizungsmief weggeblasen. Und wenigstens schien ab und zu die Sonne. Man kann sich schließlich warm anziehen. Wenigstens hat der Wind nachgelassen, hieß es, als der Wind nachgelassen hatte, die Temperaturen aber immer noch weit unter Null lagen.

Und nun? Wenigstens wird es nun wärmer, hieß es sofort, als es ein bisschen wärmer wurde. Wenigstens muss man die Wollmütze nicht mehr tragen und kann man nun wieder das Wäschekeller-Fenster öffnen, ohne dass sofort das Wasser in den Schläuchen und Rohren gefriert. Wenigstens muss man keine Angst mehr haben, auf Eis und Schnee auszurutschen.

Der Mensch ist einerseits vergesslich, was interessiert ihn andererseits sein Geschwätz und kleines Wetterlob von gestern. Bald wird er missbilligend sagen: Wenigstens hat es im Februar nicht dauernd geregnet.

Auch interessant

Kommentare