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Wetter

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Von: Sylvia Staude

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Mit dem Blick durch die Wolken-Brille lässt sich das Wetter in Rot betrachten.
Mit dem Blick durch die Wolken-Brille lässt sich das Wetter in Rot betrachten. © Britta Pedersen/dpa

Sieben Wochen Regen? Alle schauen zum Fenster. Vielleicht auch nicht. Die Kolumne „Times mager“.

Ihr (dies in eine kleine Runde gesprochen), ihr könntet mir doch ein Thema nennen für eine Glosse. Denn wenn man erst einmal ein Thema hat, kann eins zum anderen führen. Der erste Satz zum zweiten, der zweite zum dritten. Aber da zucken auch schon alle mit den Schultern und richten den Blick nach draußen, wie wir es einst zum Klassenzimmerfenster hinaus taten, wenn wir nicht aufgerufen werden wollten. Lasst uns lieber schauen, wie heute das Wetter werden soll. Ob der Regen aufhört, die Sonne rauskommt, wir schwimmen gehen können?

Das Wetter!, ruft da M., schreib über das Wetter. Das geht immer, darüber können sich doch alle verständigen, es interessiert jeden und jede, längst nicht nur in England. Das Wetter, wie es immer unberechenbarer wird. Worüber soll man sich noch gepflegt unterhalten, wenn, kaum dass man zur Nachbarin gesagt hat: schöner Tag heute, schon dunkle Wolken aufziehen. – Oder ein Hagel niederprasselt, auf die schönen Blumen, ergänzt D. Oder ein Wirbelsturm einen alten Baum umlegt, ergänzt K. Ihr erinnert euch noch an diesen Sturm, war es vor drei Jahren? Die Fichte landete auf dem Apfelbaum, der Apfelbaum musste auch abgesägt werden.

Das Wetter, ja, das Wetter ist ein vorzügliches Thema. Da ist man sich sofort einig, auch wenn die Erinnerungen im Einzelnen auseinandergehen, meist in der Weise: Das ist vier Jahre her (nein drei, nein fünf), als der Hagel in P. in einem Sommer dreimal die Gärten zusammenschlug, auch die Obstblüte. Aber nein, eben nicht in ganz P., nur in einem Korridor, wie mit dem Lineal gezogen. Im einen Garten lagen die Ranunkeln, die Petunien und Pelargonien zerschlagen, nebenan standen die Fleißigen Lieschen und Stiefmütterchen wie eine Eins. (Hier eine kurze Diskussion darüber, wodurch sich eine Pelargonie von einer Petunie unterscheidet, Einigkeit ist nicht herzustellen. Nur darüber, dass man beim Stiefmütterchen weiß, woran man ist. Und bei der Rose natürlich.) Und wisst ihr noch, der Friedhof blieb verschont, das war wie ein Wunder.

So ist man vom Wetter aus unverhofft beim Wunder angelangt. Hm. Längeres Schweigen. Stirnrunzeln. Am Siebenschläfertag hat’s geregnet, sagt dann D., das bedeutet sieben Wochen Regen – wieder wenden sich alle dem Fenster zu. Zufall, sagt M. Vielleicht ja nicht, sagt D.

Aber ich glaube, es hat aufgehört zu regnen, sagt K. Und reißen dort hinten nicht schon die Wolken auf? Wir sollten spazieren gehen, solange die Luft so frisch ist und die Sonne noch nicht brennt.

Und wenn wir spazieren gehen, sagt D., dann stören wir S. nicht mehr, und sie kann endlich schreiben.

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