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In Frankfurt kennt man sich aus mit unperfekte Weihnachtsbäumen. Vielleicht sollte die Stadt einfach ähnlich souverän damit umgehen wie Montréal.

Times mager

Wettbewerb

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Zeit für fünf Glühwein und 30.000 LED-Birnen. Aber die Kanadier machen nicht mit.

Dies ist die Zeit, die damit beginnt, dass anderswo massenhaft Truthähne gegessen und zwei von ihnen verschont werden. Von einem Mann, dem man zu einer anderen Jahreszeit nicht einmal die Begnadigung des Osterhasen persönlich anvertrauen würde. Schon gar nicht des Osterhasen. Es ist die Zeit, in der Vanillekerzen in den Ladenregalen, äh, duften oder, wenn man unglücklicherweise eine geschenkt bekommt, im heimischen Keller. Vielleicht vertreibt sie ja das Ungeziefer. Es ist die Zeit, in der die einen den Weihnachtsmarkt aus Prinzip boykottieren, die anderen aus Prinzip dort ihren ersten Glühwein trinken. Und dann den zweiten, weil’s erst ab dem fünften schmeckt. Es ist die Zeit, in der Plätzchen noch zart sind. Oder in Planung. In der ein Vorsatz lautet, die Geschenke vor dem 23. Dezember zu kaufen.

Es ist die Zeit, in der die Vorarbeiten für ruhige Feiertage (oder jedenfalls: gedacht ruhige Feiertage) zu Unruhe führen können. Und in der Polizeimeldungen laufen wie: „Ein übergroßer Weihnachtsbaum hat in der Kleinstadt Kandern in Baden-Württemberg einen Polizeieinsatz ausgelöst. Der Fahrer eines landwirtschaftlichen Gespanns habe die Ausmaße der Tanne offenbar völlig unterschätzt. Während der Fahrt beschädigte der Christbaum mehrere Verkehrsschilder und ein Brückengeländer. Entgegenkommende Fahrzeuge mussten bremsen und ausweichen. Die alarmierte Polizei kam dem Fahrer auf die Spur, indem sie den abgerissenen Tannenzweigen folgte. Den Mann erwarte nun ein Strafverfahren wegen Unfallflucht und diverser Ordnungswidrigkeiten.“ Unfallflucht? Die Tannenzweige beweisen, dass er den Weg zurückfinden wollte.

Und was heißt schon „übergroß“ bei einem Wettbewerbsdruck, unter dem sich auch ein Landwirt aus Kandern sieht? 25 Meter (oder mehr), 13 Tonnen (oder mehr), 30.000 LED-Birnen oder, nach einer anderen Quelle, sogar 45.000? Das natürlich im Land der Truthahnesser. Im vergangenen Jahr wollte Montréal mit dem Nachbarn im Süden konkurrieren und erntete nur Spott, weil der Weihnachtsbaum der Kanadier keine Spitze und Schlagseite hatte, gerade so, als hätte auch er schon dem Glühwein zugesprochen. Aber stehen Sie mal so lange in der Saukälte.

2017 nun ließ sich Montréal in kein Christbaum-Wettrüsten mehr treiben, suchte stattdessen eine Tanne aus, deren Spitze wie die einer Zipfelmütze runterhängt. Und gab bekannt: „Mit unserem Baum feiern wir Diversität und das Unperfekte.“ Darüber reden und posten nun alle. Und sind gespannt auf den kanadischen Osterhasen.

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