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Um kurz vor fünf wird man fürs Frühstück geweckt.

Times mager

Das Gemeinwesen

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Was ist das eigentlich, das Gemeinwesen? Und warum tut man ihm so viel an?

Liebes Gemeinwesen. Danke, dass es Dich gibt, auch wenn Du nicht so klingst, als hätte man Dich gern. Zunächst klingst Du ja einfach nur gemein. Aber eigentlich bist Du lieb. Du kümmert Dich um uns. Wenn’s gut läuft.

Leider bist Du arg bedroht. Der Mensch schrumpft Deinen Lebensraum. Hier die alarmierenden Meldungen aus den vergangenen paar Tagen: „… gehe dem Gemeinwesen die menschenwürdige Zukunft verloren“ („Mainpost“). „… können Masern für ein Gemeinwesen gefährlicher sein als die Horrorkrankheit Ebola“ („Ärzte-Zeitung“). „Arbeitgeber, (…) die unser Gemeinwesen um Steuern und Sozialabgaben prellen“ („02elf Abendblatt“).

Schlimm. Du, Gemeinwesen, sorgst für uns, schenkst uns Dorfgemeinschaftshäuser, Solidarität und wöchentliche Müllabfuhr, und wir? Tun Dir Gemeinheiten an. Aber dafür rächt sich ein anderes Wesen an uns.

Das Gesundheitswesen. Klingt, als wandelte es gutmütig auf bequemen weißen Latschen über die Flure und munterte Patienten auf. Als gäbe es ihnen Zuversicht und machte sie gesund, denn es ist ja das Gesundheitswesen. Aber wer mal im Krankenhaus übernachten muss: Schlafen kann man da nicht. Es piept überall, es schnarcht das Nachbarwesen, es weckt einen jemand um kurz vor fünf fürs Frühstück, obwohl man anschließend doch nur den ganzen Tag im Bett rumliegt.

Im Krankenhaus am Rande der Kernstadt hat das Gesundheitswesen was Neues eingeführt: Der Patient lässt seine Gesundheitskarte fürs Quartal nicht mehr da ins Computersystem einlesen, wo seine zuständigen Ärzte sind. Nein, er wird wieder hinausgeschickt auf die Straße, am Anwesen entlang, am anderen Ende wieder rein, Treppe wieder hoch. Dort reiht er sich in die Schlange der Wartenden ein, die alle zentral ihre Gesundheitskarte einlesen lassen. Dann wieder zurück in die Abteilung zu den Ärzten, wo man früher praktischerweise seine Karte einlas.

Wenn er sich beim Gesundheitswesen erkundigt, wem die Neuerung nun helfe, den Patienten ja eher nicht, die müssten mit ihren Gebrechen aus dem Haus raus, auf die Straße und wieder rein (oder durchs Haus, Bauteil G suchen, die Treppe hoch, oder war es Bauteil C?, aber da verlaufen sich 17 Prozent, werden niemals wiedergefunden und verwesen), wenn der Patient also fragt, was das eigentlich soll, dann antwortet das Gesundheitswesen: „Dafür bin ich nicht zuständig. Das war das Unwesen.“

Zu weiteren Nebenwirkungen konsultieren Sie Ihren Arzt weiter hinten in dieser Zeitung.

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