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Von: Judith von Sternburg

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Hat der eigene Geheimtipp seinen Durchbruch, ist das lästig, aber auch schön.
Hat der eigene Geheimtipp seinen Durchbruch, ist das lästig, aber auch schön. © Denis Karpenkov/dpa

Was, wenn man Bescheid gewusst hätte: Dass diese Falafelbude die beste ist, dass die Fahnen von „Harry Potter“ einmal kostbar sein werden.

Es gibt eine Frankfurter Falafelbude, vor der nicht sechs, sondern 60 Menschen anstehen. Ungefähr. Wer sich in der Imbissbudenszene nicht auskennt – was nicht heißt, keine Imbissbuden zu frequentieren, man kann problemlos ohne Unterlass Imbiss an einer Bude kaufen, ohne sich auszukennen, tausend Dinge kann man tun, ohne sich auszukennen –, dem kommt das seltsam vor. Denn welche Falafel könnte solche Wartezeiten wert sein, außer es wäre die letzte auf Erden? Oder es wären zwar ihrer viele, aber in mindestens zweien wäre je ein Diamant versteckt? Nun musste man in der Verwandtschaft nicht lange herumfragen. Diese Bude kenne (ansonsten) jeder, und so gute Falafeln gebe es nirgendwo anders in der Stadt und dem Erdkreis. Interessanter war aber, dass die Verwandte, die Bescheid wusste, an der betreffenden Bude schon begeistert Falafeln kaufte, als sie noch nicht berühmt war.

Hat der eigene Geheimtipp seinen Durchbruch, ist das lästig, aber auch schön. Es macht stolz, obwohl es sinnvoller gewesen wäre, die Bude beizeiten überteuert zu kaufen, den Koch abzuwerben oder das Rezept zu stehlen. Oder die Ingredienzien einer Falafel auseinander zu klabüstern (chemisch zu untersuchen oder so?), um nicht ganz so illegal an das Rezept zu gelangen.

Ein anderes Beispiel: vor 30 Jahren „Harry Potter und der Stein des Weisen“ gelesen zu haben, durch einen Zufall, ohne Vorkenntnisse, vor der Welle. Ein sensationelles Erlebnis, irritierend besonders, wenn man schon vor 30 Jahren kein Kind mehr war.

Man versteht dann besser, warum berühmte Schriftstellerinnen und auch Schriftsteller gelegentlich unter falschem Namen an Wettbewerben teilnehmen. Das ist riskant, aber die Hoffnung, erneut einfach um der Arbeit selbst Willen entdeckt zu werden, wird unwiderstehlich sein. Vielleicht träumt auch der Falafelmeisterkoch davon, gelegentlich in der Fremde inkognito aufzukochen.

Jetzt kommt aber der ärgerliche Teil: In England kommen Druckfahnen von „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“ jetzt auf Auktion und sollen 20 000 Pfund einbringen. Ungefähr. Es sei das einzige verbliebene Exemplar, heißt es. Hunderte Idiotinnen und auch Idioten, wir mittenmang, haben ihre Harry-Potter-Fahnen vor oder nach der Lektüre weggeschmissen. Statt justiziabel Falafelrezepte zu organisieren, hätte es völlig ausgereicht, ein paar Fahnen aufzuheben. Die richtigen Fahnen.

Druckfahne heißt auf Englisch übrigens galley proof. Galley proof heißt umgekehrt nicht Galeerenbeweis, wie Google neulich einmal in diesem Zusammenhang vorschlug. Auch wieder eine Erleichterung: Fehlleistungen pflastern alle Wege.

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