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Werte

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Von: Stephan Hebel

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Wie bei Antiquitäten: Der ideelle Wert in in Euro nicht zu berechnen.
Wie bei Antiquitäten: Der ideelle Wert in in Euro nicht zu berechnen. © Imago

Der Werteverfall meint irgendwie etwas Ideelles, genauer aber wird es in der Regel nicht benannt.

Der Untergang des Abendlandes, von dem hier erst kürzlich die Rede sein musste, ist, wie man hört, untrennbar mit dem Verfall von Werten verbunden. Dem Times mager ist jedoch unbekannt, um welche Werte es sich handelt. Es gibt (oder gab) ja ganz unterschiedliche Sorten davon.

Als das Gespräch darauf kam, erzählte der Kollege S. etwas überraschend von seiner lange zurückliegenden Akne-Periode. Er habe seinerzeit seiner Mutter anvertraut, dass er aus Pickelgründen sehr hässlich und deshalb bei der irgendwann bevorstehenden Brautschau chancenlos sei. Die Mutter habe, statt die Behauptung der Hässlichkeit mit zumindest gespielter Inbrunst zurückzuweisen, nur gesagt: „Auf die inneren Werte kommt es an.“

Er selbst, fuhr S. fort, habe seinerzeit gar nicht gewusst, ob er über so etwas wie innere Werte überhaupt verfüge und welche es, wenn ja, eigentlich seien. Die Mutter habe sich auch dazu nicht geäußert, so dass er fortan der Meinung gewesen sei, dass man innere Werte eben nicht sehen könne, nicht einmal als Mutter. Er selbst habe sie auch nicht sehen können und sei dann sicherheitshalber schon damals davon ausgegangen, dass er keine besitze.

Erschwerend, so S., komme hinzu, dass sich das Ganze etwa im Jahr 1968 abgespielt haben müsse, und da habe das ganze Dilemma mit den Werten ja angefangen, wie man heute höre. Gemeint sei wohlgemerkt, wie er hinzufügte, nicht der Wertverfall (Geld, Haus, Auto), sondern der Werteverfall, also irgendwie etwas Ideelles, genauer werde das in der Regel nicht benannt.

Kollege H. gab zu bedenken, dass der Werteverfall und vor allem dessen Geschwindigkeit nur schwer zu messen seien, so dass man gar nicht genau wisse, wann überhaupt nichts mehr übrig sein werde. Bei Plutonium gebe es wenigstens eine Halbwertszeit, aber die sei irgendwie sehr lang. Wenn das bei der Halbwertszeit der Werte ähnlich wäre, bestünde am Ende sogar die Befürchtung, dass man sich gar keine Sorgen mehr machen müsste.

Da gehe es den Werten ganz anders als anderen Antiquitäten, ergänzte der Kollege S. Kürzlich habe er im Fernsehen eine Sendung gesehen, in der es darum ging, einen Gegenstand aus dem Erbe einer Familie zu schätzen, von dem ein Experte sagte: „Das ist ein wunderbares Zeitzeugnis seiner Zeit.“ Die Familie, die an einem Verkauf des Erbstücks interessiert gewesen sei, habe daraufhin „vom Feeling her ein gutes Gefühl gehabt“, wie Kollege F. zu sagen pflege. Aber dann sei es zur finanziell wertarmen Expertise gekommen: „Der ideelle Wert ist nicht in Euro zu bemessen.“

Das klinge logisch, sagte der Kollege S., bevor das Gespräch plötzlich erstarb.

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