+
Unordnung im Werkzeugkoffer - keine schöner Anblick in der Hobbywerkstatt.

Times mager

Werkzeug

  • schließen

Gut sortiert zu sein ist das eine, dabei die Übersicht zu behalten das andere.

Es kann passieren, dass einem, während man gerade pommersche Volksmärchen recherchiert, eine Mail ins Kontor haut: „Sonderaktion: Komplettes 4-lagiges Handwerker-Werkzeugkofferset 186 Teile inkl. statt 899,- nur 169,- In Lager, Werkstatt, Büro, Haus, Hobbywerkstatt: 186-teiliges Profi-Werkzeugset mit Trolley statt 899,- nur 169,- Ab sofort alles an seinem richtigen Platz. Es gibt nichts schlimmeres als Werkzeug zu suchen.“

Wer in solchen Momenten nicht aufpasst, hat womöglich binnen weniger Tage das geordnetste Werkzeug aller Zeiten in der Garage (4-lagig wie Hakle traumweich!), aber den Überblick über Rechtschreibung und Kommasetzung verloren. Das hilft, ehrlich gesagt, am Ende auch wieder niemandem. Und die Frage, ob es nicht doch etwas Schlimmeres gibt, als Werkzeug zu suchen, ist immer noch offen.

Im Werkzeugtrolley befindet sich übrigens unter anderem ein „Anti-Slip-Teleskop“, aber hier soll nur so viel verraten werden: Das Wort „Slip“ ist in diesem Zusammenhang kein Substantiv, sondern ein Verb.

Nicht sehr glücklich ist das Times mager mit der soeben verwendeten Formulierung „ins Kontor hauen“. Eigentlich kommt ja das Wort Kontor vom französischen „Comptoir“, was man zwar mit „Tresen“ übersetzen kann, aber nicht muss. Eigentlich heißt es „Zahltisch“, aber so etwas gibt es in der Redaktion auch nicht. Immerhin wird das eingedeutschte „Kontor“ ganz gern für „Büro“ verwendet, und so etwas gibt es in der Redaktion sehr wohl. www.redensarten-index.de teilt mit: „Ein Blitzschlag ins Kontor kann die Vernichtung der Buchhaltung und der Waren und somit einen Rückschlag bedeuten“, aber das wäre jetzt leicht übertrieben. Die Mail vom Werkzeugtrolley-Verkäufer hatte mit einem Blitzschlag nichts zu tun und hat auch nichts ausgelöst, nicht mal einen Geistesblitz, von Vernichtung der Buchhaltung ganz zu schweigen.

Nur eine gewisse Sehnsucht stieg beim Betrachten der wohlsortierten Werkzeugvielfalt auf den Trolley-Fotos auf. Wenn man in einem für kulturelle Zwecke angemieteten und also von unsortierten Stapeln aller Art überwucherten Büro sitzt, ist es das Natürlichste der Welt, nicht nur von handwerklicher Arbeit zu träumen, sondern auch von einer Ordnung der dazu benötigten Utensilien, die sich wie von Zauberhand einstellt.

Ist Ihnen der gesellschaftspolitische Zusammenhang jetzt aufgefallen? Kurz gesagt: Gemessen an dem, was Menschen sonst mit ihrem Überdruss an der Unordnung der Welt anstellen, ist der Werkzeugtrolley für alle eine preisgünstige Lösung.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion