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Von: Judith von Sternburg

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Generalprobe "Schwanensee" in Rio
Ja, da kann man sich bezaubern lassen: Tänzerinnen Tanzen während der Generalprobe zum Ballett „Schwanensee“ im Theatro Municipal in Rio de Janeiro. © Alexandre Brum/dpa

Der Zauber des Theaters erschließt sich bei einem Besuch oder zweien mit Glück, in einem Abonnement erschließt er sich fast garantiert.

Die ersten Theaterabonnements waren natürlich ein Geschenk von den Erwachsenen und die reinste Überforderung. Fünf Stunden Botho Strauß und der Humor von „Don Pasquale“ erschließen sich 14-Jährigen noch nicht so recht, und im modernen Ballett – was in einem Stadttheater in den achtziger Jahre so unter modern verstanden wurde – wurde dermaßen gebuht, dass die 16-Jährige zum ersten und bisher einzigen Mal in ihrem Leben Bravo rief. Manchmal bleibt einem nichts anderes übrig.

Hätten die Erwachsenen das Geld also besser für etwas anderes ausgegeben (aber für was eigentlich)? Nein. Denn es geschah noch etwas anderes. Es zeigte sich, dass es aufregend war, alle paar Wochen einmal still dazusitzen und etwas auf sich zukommen zu lassen, von dem man vorher noch nichts wusste. Dazu das Restwispern im Saal, im Musiktheater das Stimmen der Instrumente, das allgemeine Verstummen vor dem ersten Ton, das Geräusch, das eine große Menschengruppe macht, wenn sich ein überdimensionaler Vorhang öffnet, und dahinter ist etwas zu sehen, mit dem nicht zu rechnen war, so schön, grausig, doof oder einfach riesig ist es. Und wie das dann alles übergeht in eine Geschichte, in der man sich erst zurechtfinden muss. Und während man sich verwickeln lässt, begreift man, wie viele Menschen hier in Aktion sind. Hinter der Bühne ziehen und schieben und machen sie. Auf der Bühne tun sie so, als ob, oder tun sie nicht so, als ob. Beides und noch viel mehr können sie enorm gut.

Der Zauber des Theaters erschließt sich bei einem Besuch oder zweien mit Glück, in einem Abonnement erschließt er sich fast garantiert. Selbst U., die abends aus beruflichen Gründen ständig im Theater sitzt, hat außerdem ein Abonnement. Sie will an einer Stelle ihres Lebens, sagt sie, wahllos alles sehen, Entdeckungen machen, Vorurteile revidieren.

Es ist ein bisschen wie bei der Zeitung. Die Idee einer Zeitung ist ja in einer Welt starker Verfügbarkeit von Nachrichten gerade nicht, bloß das zu finden, was man gesucht hat (hoffentlich findet man das auch), sondern sich einmal am Tag darauf einzulassen, was andere wichtig finden.

Ach, sieh an, die Oper Frankfurt hat von 5000 Abonnements, die in den Corona-Lockdowns verloren gingen, 400 zurückgewonnen. Immerhin. Die Oper Frankfurt ist übrigens gerade zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt worden. Lesen Sie hierzu mehr auf der nächsten Seite.

Aber ist das nicht ein Times mager, das total werblich zum Abschluss eines Abonnements rät? Für ein Theater, eine Konzertreihe, eine Zeitung? Ja, das stimmt, das tut es, das haben Sie genau richtig verstanden.

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