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Weiterfahrt

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Von: Sylvia Staude

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This could be us DB. But you are playing: Statt Vollgas nur gewohnte Verzögerung.
This could be us DB. But you are playing: Statt Vollgas nur gewohnte Verzögerung. © Robert Michael/dpa

Zwei Monate war die S-Bahn krank ... jetzt fährt sie wieder, Gott sei Dank. Und haargenau wie vorher.

Der Deutschen Bahn, im Folgenden kurz DB genannt, traute die Nutzerin, im Folgenden N. genannt, bisher viel zu wenig zu. Dies, obwohl N. mit dem 9-Euro-Ticket in 3 Monaten mindestens 0,7 Mal pünktlich ans Ziel kam (die 0,7 stehen für die von N. gefühlte Pünktlichkeit in diesem Fall). Aber nun gilt es, ein wahres DB-Kunststück zu bewundern: Zwei Monate fuhr die S-Bahn-Linie überhaupt nicht, wegen Bauarbeiten. Jetzt steigt N. ein und kann nicht anders, als beeindruckt zu sein. Denn die DB hat das Kunststück vollbracht, N. sofort wieder dieses heimelige Alles-beim-Alten-Gefühl zu vermitteln, das Gefühl, dass eigentlich gar keine Zeit vergangen ist, dass N. die zweimonatige Stilllegung der Strecke und den Schienenersatzverkehr geträumt haben muss.

Wünschen wir uns das nicht alle – doppelt und dreifach in dieser aufreibenden Zeit –, dass das Vertraute vertraut bleibt, das Ramponierte unseretwegen auch ramponiert, dass wir also über die Dinge maulen können, über die wir seit Jahren verlässlich (und tröstlich) maulen, dass man uns nicht mit unnötigen Neuerungen kommt, zu denen durchaus auch die Pünktlichkeit der DB gehören würde. Denn seien Sie ehrlich (N. ist es auch), über was würden Sie sich auf Bahnsteigen und auch die ganze Zugfahrt über unterhalten, wenn es da nicht diese DB-Erlebnisse gäbe, die so beginnen: Als ich einmal von A. nach C. gefahren bin.... Oder so: Ich muss ja sagen, in der Schweiz wäre das nicht .... Oder so endet: Und dann gab es noch nicht einmal Kaffee, weil die Maschine kaputt war.

Jetzt aber geschwind zurück zu dem, was N. zwei volle Monate lang vermissen musste. Und für dessen zuverlässiger Wiederbeschaffung sie der DB dankt. Es macht gewiss Mühe, alles genau wieder so zu rekonstruieren, wie es vorher war.

Wie es war und wie man es kannte: Mindestens eine Durchsage pro Fahrt, dass sich „unsere Weiterfahrt für wenige Minuten verzögern“ wird, weil ein anderer Zug überholt. Ein bis zwei grantige Durchsagen des Fahrers pro Fahrt, dass man bitte den Türbereich freimachen möge. Nicht eine Durchsage, mit der sich die DB für die Verspätung entschuldigt. Auch keine Durchsage, warum der Zug auf der Strecke steht. Und steht.

Die Passagiere der morgendlichen S-Bahn nehmen es mit Gleichmut. Einige sieht man fein lächeln. Wahrscheinlich sind das auch die Fans von Filterkaffee und Scheiblettenkäse. Von Glühbirnen und Bettsocken. Menschen, die es zu schätzen wissen, dass es sowohl die guten alten Dinge noch gibt, wie auch die unguten alten Dinge.

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