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Weißes Haus

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Von: Christian Thomas

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Kann man sich auf dieses Haus einen Reim machen?
Kann man sich auf dieses Haus einen Reim machen? © Lena Klimkeit (dpa)

Die inszenierte Schweizer Innenwelt auf der Venedig-Biennale hat es nicht wirklich in sich.

Will man rein, macht man sich klein. Und den Kopf zieht man ein. So fühlt man sich im Schweizer Haus – schon komisch. Will man dann raus, war es nett, kein Tisch, kein Stuhl, kein Bett. Kann man sich auf dieses Haus einen Reim machen?

Die Jury der Architekturbiennale hat es getan, sie hat dem Schweizer Pavillon am Samstag den Goldenen Löwen verliehen für ein Haus, in dem alles, abgesehen vom Boden, weiß ist, strahlend weiß, aseptisch weiß, vielleicht auch unheimlich weiß, wer weiß, aber doch nicht bedrohlich weiß. Das Projekt, das Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg und Ani Vihervaara erdacht haben (und wofür das Quartett die Beteiligung an einem Kindergarten-Wettbewerb fallen ließ), ist vielleicht nicht ganz geheuer. Ein Geisterhaus aber ist es wahrhaftig nicht.

Lakonischer Blick auf die Dinge

Und da fällt dem Ausstellungshausbesucher mit einem Male wieder Peter Bichsel ein, dessen Geschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“. 1969 erschien sie in den „Kindergeschichten“, die es allerdings unbedingt in sich hatten, allesamt, auch die eine. Der Schweizer Schriftsteller schaute damals sehr lakonisch auf die Dinge, angefangen mit einem Tisch, so dass der Leser das scheinbar Selbstverständliche mit anderen Augen sah, wie mit neuen Augen. Aber was sind schon neue Augen? Eine gewiss auch sprachliche Kühnheit, ein Konstrukt – Konvention, worauf Kommunikation zweifellos beruht. Neue Augen also.

Dass es mit den Übereinkünften und Selbstverständlichkeiten nicht gar so weit her ist, darauf wollen wohl auch die zwei Assistenten und zwei Assistentinnen der ETH Zürich mit ihrem unmöblierten Haus hinaus, einem Konstrukt, das dem Eintretenden mal lächerlich klein, mal aberwitzig groß gegenübertritt (Häuser tun das schon mal). Hier nun ist der Maßstab aufgekündigt, der menschliche Maßstab. Er, der auch so etwas ist wie eine Übereinkunft, stimmt in dieser Unterkunft an allen Ecken und Enden nicht mehr.

Im Schweizer Ausstellungshaus ist für die Zeit der Architekturbiennale eine Haus-im-Haus-Konstruktion errichtet worden. In dem schönen lapidaren Bauwerk, das Bruno Giacometti 1951/52 aus rauem Ziegelstein schuf, ist eine aalglatt-cleane Innenwelt inszeniert worden. So etwas wie ein Verfremdungseffekt, allerdings sollte man nicht übertreiben, denn die unmöblierte Leere ist eher ein V-Effekt zum Schmunzeln.

Gemessen an dem Biennale-Motto „Freespace“ ist es eine nette Idee. Die inszenierte Innenwelt hat es nicht wirklich in sich. Alles bloß ulkig, darauf läuft es hinaus. Frohgemut geht man rein, fidel geht man raus, wie aufgeräumt. Aus.

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