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Weissagen

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Von: Sylvia Staude

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Das Ende der Welt ist nah: Nur 1,25 Kilometer, wie dieses Schild in Sri Lanka weissagt.
Das Ende der Welt ist nah: Nur 1,25 Kilometer, wie dieses Schild in Sri Lanka weissagt. © Imago

Meist muss es mindestens der Weltuntergang sein: Wenn Wahrsager etwas Falschsagen.

Von einem unbeschriebenen Blatt sprach der Radiomoderator am Morgen und es war klar, dass seine Sendung dazu dienen sollte, das Blatt nun aber flugs zu beschreiben. Denn wenn den Menschen (und beileibe nicht nur den schreibenden Menschen) etwas beunruhigt, dann sind es unbeschriebene Blätter. Allemal vermutet er, dass da schon etwas geschrieben stehen könnte – etwas von höherer Hand gewissermaßen, Wort für präzises Wort, aber in vorerst noch unsichtbarer Tinte. Allemal befürchtet er, dass Unangenehmes (Zahnschmerzen), wenn nicht gar Katastrophisches (Abstieg der Fußballmannschaft des Herzens) darunter sein könnte. Die Lebenserfahrung lehrt ihn schließlich, dass er seit immerhin schon 37 Jahren Lotto spielt, dass aber noch nie auf einem Blatt stand: Herr M. wird den Jackpot knacken. Er schreibt dies einer gewissen Kleinlichkeit der höheren Hand zu, der dieser eine Satz doch wirklich keine Mühe machen würde.

Diejenigen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die unsichtbare Tinte auf den weißen Blättern kommender Jahre zu lesen und die man darum Weissager nennt, haben eigentlich nur für die Koreaner eine gute Nachricht: Das nordkoreanische Volk wird sich bis Jahresende gegen Diktator Kim Jong-un erhoben und Nordkorea sich mit Südkorea wiedervereinigt haben. Doch während in Korea noch gefeiert wird und die Nordkoreaner sich nach historischem Vorbild endlich an Bananen sattessen (einige wenige sind schon einen Schritt weiter und wünschen sich die Mauer zurück), geht es mit dem Rest der Welt, vor allem mit Europa und den USA, bergab wie beim Schlittenfahren von der Zugspitze.

Denn die höhere Hand, so scheint es, beschäftigt sich nicht mit Petitessen (Zahnschmerzen, Abstieg aus der 1. Liga, Herrn M.s Lottogewinn), sondern nur mit Ereignissen von Größe und Gewicht, die Menschheit zu vernichten. Mit Riesenunwettern und -erdbeben, Epidemien, Megaterroranschlägen, Weltkriegen, Börsencrashs, Aufständen und der blutigen Niederschlagung von Aufständen. Und natürlich zuguterletzt mit der Apokalypse.

Die sollte – wir erinnern uns: Maya-Kalender – auf jeden Fall 2012 stattfinden. Dass sie da nicht eintrat (ein Irrtum, die höhere Hand hat aber auch eine Saukralle!), hielt Deuter und Weissager nicht davon ab, den Weltuntergang oder mindestens den Anfang eines Weltuntergangs auch für 2013, 2014, 2015, 2016 und 2017 vorherzusagen. (Alles Obengenannte – Korea, Crash, 3. Weltkrieg – findet sich übrigens in Prophezeiungen für 2017.)

Aber ist es ein deutlicher Wink des Schicksals mit einem weißen Blatt, äh, dunklen Bildschirm, dass am letzten Tag des Jahres der private Laptop nach einem Update den Dienst verweigert? Hätte es eine höhere Hand gern, dass das Times-mager-Eck für diesmal unbeschrieben bleibt?

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