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Von: Stephan Hebel

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Im Kaffeehaus gibt es kein WLAN, und wer telefonieren will, geht raus.
Im Kaffeehaus gibt es kein WLAN, und wer telefonieren will, geht raus. © Sebastian Willnow/dpa

Wie soll es im Kaffeehaus weitergehen, jetzt wo N. nicht mehr da ist?

Wenn Sie hereinkommen, sehen Sie es nicht. Nichts deutet darauf hin. Es ist alles da, was immer da war: die morgendliche Schlange wegen der Brötchen, die dicken Stücke vom Schokokuchen, das freundlich, aber auch mal bestimmt auftretende Bedienpersonal. Die Hafermilch fällt immer noch ein bisschen auf, aber die gibt es jetzt auch schon seit Jahren, seit damals, als auch der letzte Widerstand innerhalb der Kaffeehaus-Leitung vor der Wucht der Nachfrage kapitulierte.

So geht das schon immer, „laktosefrei“ war auch mal neu, aber auf wunderbare Weise haben sich alle Veränderungen der Aura des Kaffeehauses unterworfen, das wie ein Baum dasteht in der durchgerüttelten Welt, der sich biegt und wiegt und wandelt und doch immer der Gleiche bleibt, fest verwurzelt in der Tradition seiner allerersten Tage.

Seit Jahrzehnten geht das jetzt so, und auch auf Menschen, die noch nicht geboren waren, als das Kaffeehaus gegründet wurde, übt es offensichtlich eine wohltuende Wirkung aus. Auch sie brauchen Orte, an denen sie sich kurz ausloggen können aus der Welt der steigenden Mietpreise, der Jobzwänge und Selbstoptimierungen, der Krisenzeichen und – jetzt auch noch das – der Kriegsszenarien. Es gibt kein W-Lan im Kaffeehaus, und wer telefonieren will, geht raus.

Aber N. ist weg. N. hat aufgehört, er ist nicht mehr der Allerjüngste, und das Kaffeehaus-Betreiben ist anstrengend, auch wenn man wie N. zwei fleißige Partner hat. Es fordert einen ganzen N., vor allem wenn man es betreibt wie er, der sich allem, was er tut, mit Haut und Haar und viel Gefühl vollständig hingibt, mal bis zum jubelnden Glück über einen Gast, der „Danke“ sagt, mal bis zur tiefen Verzweiflung über den Schnösel, der sich bei Neun-neunzig noch zehn Cent zurückgeben lässt.

Kann das Kaffeehaus noch Kaffeehaus sein, jetzt, wo N. nicht mehr da ist? Was sollen die Kinder aus dem Viertel denken, die bei ihm meistens auf eine kleine Süßigkeit und immer auf ein liebevolles „Hallo“ spekulieren durften? Wird das Hereintragen eines Kinderwagens je wieder wie eine Haupt- und Staatsaktion inszeniert werden, wenn es nicht N. in freudig erregter Hilfsbereitschaft dirigiert? Wer soll auf die Gebeutelten aufpassen, die das aufmunternde Wort eines N. zum Cappuccino gratis bekamen? Was, wenn seine Partner auch noch gehen?

Wissen Sie was: Es wird ein Wunder geschehen. Es wird anders sein, wenn andere das Kaffeehaus betreiben, aber es wird das Kaffeehaus bleiben, die Prognose ist begründet. Dem Baum werden neue Äste wachsen, aber die Wurzeln schert das nicht. Sonst wäre die Welt schon gar nicht zu ertragen.

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