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In Warendorf würde Winnetou einen Kaltblüter reiten.

Times mager

Warendorf

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Zwischen Bielefeld und Münster gerät der Zugpassagier ins Träumen - Wildwestfalen-Filme laufen vor seinem inneren Auge ab. Die Feuilleton-Kolumne.

Ein Hinweis für unsere Fahrgäste: Wenn ein Zug verspätet ist, handelt es sich dabei um eine Störung im Betriebsablauf. Es fragt sich also, ob die Deutsche Bahn sich ganz exakt ausdrückt, wenn sie mitteilt: „Der ICE X nach Y hat etwa 45 Minuten Verspätung. Grund ist eine Störung im Betriebsablauf.“ Nur schwer ist nämlich vorstellbar, dass eine Störung im Betriebsablauf der Grund für eine Störung im Betriebsablauf sein kann.

„Technische Störung auf der Strecke“ ist demgegenüber okay. Da weiß jeder gleich Bescheid und kommt spät, aber glücklich ans Ziel.

Ein besonderes Dankeschön geht heute an die „eurobahn“, bei der Pünktlichkeit sicher in der Regel größer geschrieben wird als der Firmenname. Die „eurobahn“ bedient die schöne Strecke von Bielefeld über Warendorf und Telgte nach Münster. Sprechen Sie „Telgte“ bitte „Telchte“ aus, wir sind in Westfalen und es geht auch leichter.

In Warendorf steht kein Bahnhof

In Warendorf, die Temperatur lag bei etwa drei Grad über Null, wartete ein kleines Grüppchen am Bahnhof. Beziehungsweise auf dem Bahnsteig, denn am Haltepunkt Warendorf steht kein Bahnhof. Es habe mal einen gegeben, aber der sei abgebrannt, sagt eine Warendorferin. Lautsprecher sind vorhanden, aber schweigsam.

Als dann das Züglein (früher hätte man gesagt: Schienenbus) mit 35 Minuten Verspätung eintraf, fuhr es auf das gegenüber liegende Gleis, so dass das durchgefrorene Grüppchen Gelegenheit erhielt, sich mittels eines kleinen Hindernislaufs durch den Tunnel zum anderen Bahnsteig aufzuwärmen. Als alle eingetroffen waren, verkündete der Fahrer, er müsse noch zehn Minuten auf den Gegenzug warten. Man fährt hier eingleisig, außer am Haltepunkt Warendorf.

Doch endlich ging es los, durch Wiesen und Felder. In der Ferne hier und da ein Gehöft, mal wandte eine Kuh, mal ein Schäflein den Kopf Richtung Gleis, wenn die „eurobahn“ hupte, und das tut sie oft, denn man kreuzt die Feldwege schrankenlos zwischen Bielefeld, Telchte und Münster. Bald schon war Warendorf, Ortsteil Einen-Müssingen, erreicht, und um ehrlich zu sein: Einen-Müssinger müsste man sein! Nur ein Bahnsteig, dazu kleine Anzeigetafeln, durch die fröhliche Leuchtbuchstaben marschierten („Technische Störung…“). Wer von hier wechkommt, wie der Westfale sagt, hat Glück gehabt.

Beim Blick aus dem Fenster geriet der Fahrgast ins Träumen, ein Wildwestfalen-Film spielte sich vor dem inneren Auge ab. Was, wenn von der Reiterstadt Warendorf her ein Trupp Indianer in einer Staubwolke angetrabt käme? Die Vorstellung hatte etwas Gemütliches, und ein Gedanke blieb haften: Winnetou würde hier einen Kaltblüter reiten.

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