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Walter

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Von: Stephan Hebel

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Zärtlichkeit entlädt sich mitunter an Katzen besser als an Menschen.
Zärtlichkeit entlädt sich mitunter an Katzen besser als an Menschen. © rtr

Kaffeehausstammgast Walter ist tot.

Im Herbst hatte Walter eine Katze in Pflege, und er tat empört: In der ersten Nacht, erzählte er im Kaffeehaus, habe sich „das Viech“ ohne Umstände an seinen Hals geschmiegt, „inzwischen traut sie sich nur noch bis zum Knie“. Walter erzählte das in diesem ironisch-tadelnden Ton, hinter dem viele Männer seiner Generation ihre zärtlichen Gefühle nur provisorisch verbergen.

Walter hatte überdies festgestellt, „dass die Viecher immer nach oben abhauen“, was er gerade aus deren eigener Sicht „überhaupt nicht verstehe“, abgesehen davon, dass er als 89-Jähriger sich dann die Treppe hinaufbemühen müsse, um sie wieder einzufangen. Stammgast S. hatte zwar eine Erfahrung mit einer nach unten fliehenden Katze beizusteuern, aber die wurde als statistisch irrelevanter Einzelfall nicht weiter beachtet.

Walter, als eingefleischter Hesse aus unbekannten Gründen zugleich fanatischer Anhänger des Kölner Karnevals, wechselte schon bald das Thema und tauschte sich mit Stammgast R. über närrische Fernsehsendungen aus. Überhaupt war es Stammgast R., der Walter irgendwann ins Kaffeehaus gebracht hatte, und schon seit Jahren spürte jeder, der den beiden Herren zuhörte, zwischen ihnen einen Vorrat an Gemeinsamkeiten, um den auch die größte Koalition sie beneiden müsste.

Wer eine Bilanz dieser Gespräche ziehen sollte, müsste höchstens einen Streitpunkt erwähnen: Eintracht (Bundesliga, Stammgast R.) oder FSV Frankfurt (3. Liga, Walter)? Bei den Themen Butterpreise, beste Wurstsorten, Höhepunkte des hessischen Regionalfernsehens und Regierungsversager hingegen: blanke Einigkeit.

Einigkeit auch in diesem schönen Proletarierstolz, vom Leben nicht mit Chancen überschüttet worden und doch mit Anstand älter geworden zu sein. Nur ob der Denkzettel für die Regierungsversager rechts oder links abzugeben sei, war hier und da umstritten, aber Stammgast R. hofft, dass Walter im September links gewählt hat, auch wenn er es nicht weiß, er hat ja nicht gefragt, „das macht man nicht“, wie Stammgast R. immer sagt, wenn es um unanständige Dinge wie die Nichtbeachtung des Wahlgeheimnisses geht.

Dann kam der Schlaganfall. Im Kaffeehaus erzählen sie, dass Walter nicht sprechen konnte, es ihm aber irgendwie gelang, sich zu beschweren, dass sein Kölner Karnevalsverein sich noch nicht mit Genesungswünschen gemeldet hatte. Jetzt, kaum zwei Wochen vor Weiberfastnacht, ist Walter gestorben. „Er hat noch kurz vorher Karnevalslieder gehört“, sagt Stammgast R., und es klingt so zärtlich, als wäre Walter eine Katze gewesen.

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