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„Wall Street“

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Von: Judith von Sternburg

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Eine Szene mit Michael Douglas als Gordon Gekko in dem Oliver Stone-Film „Wall Street“ von 1987 (Archivfoto).
Eine Szene mit Michael Douglas als Gordon Gekko in dem Oliver Stone-Film „Wall Street“ von 1987 (Archivfoto). © Twentieth Century Fox

Das Funktelefon ein Backstein, die Frisur wie bei Ken (Barbie), Charlie Sheen so furchtbar jung. Was bloß war das für eine Zeit?

Im Jahr 2022 „Wall Street“ von Oliver Stone aus dem Jahr 1987 anzuschauen, ist nicht nur ein Erlebnis, weil Michael Douglas und Charlie Sheen so jung sind, dass es wehtut. Zugleich so glattrasiert, dass es ein bisschen lustig ist und jedenfalls klar wird, dass der Dreitagebart noch lange nicht erfunden war, die Gesichtscreme für Männer und das Haargel aber schon, und es war offenbar nicht peinlich, wie Ken auszusehen (Ken, der Freund von Barbie).

Und es ist nicht nur ein Erlebnis, weil die farbenfreudigen Damengarderoben eine Kastenform haben, die nicht einmal im allgemeinen 80er-Jahre-Revival bisher eine Rolle spielten. Die katastrophale Frisur der superattraktiven Innenarchitektin Darien zeigt, wie Volumen auch nicht jedes Problemhaarproblem löst.

Aber „Wall Street“ zu sehen, ist auch nicht nur ein Erlebnis, weil das Funktelefon, das der Mann benutzt, der alles hat, was neu und teuer ist, ein grotesker Backstein ist. Auch nicht nur, weil der Taschenfernseher, mit dem der Mann prahlt, der alles hat, was neu und teuer ist, ein Witz von einem Miniaturflimmerkasten ist. Auch nicht nur, weil die Computerbildschirme – türkis-grün auf schwarzem Grund – intensiv an das Redaktionssystem der frühen Jahre erinnert. Das tun sie allerdings. Man schrieb in einer Zeile vor sich hin und drückte zwischendurch auf eine Taste, die die Endloszeile formatierte. Noch Jahre später schlug der kleine Finger der linken Hand gelegentlich auf die entsprechende Stelle der Tastatur, sinnloserweise.

Im Jahr 2022 „Wall Street“ anzuschauen, ist aber auch nicht nur ein Erlebnis, weil in der Totalen ständig das World Trade Center zu sehen ist, von dem wir damals nicht einmal wussten, wie es heißt. Und weil Oliver Stones Kritik an der Finanzwelt noch etwas Übersichtliches hat, zugleich an Sarkasmus kaum zu übertreffen ist. Aber es gibt noch die wackeren Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen, die alle Räder still stehen lassen können, wenn ihr starker Arm das will. Und obwohl die Besitzverhältnisse unerquicklich sind, macht das den Finanzhai nervös, nein, stinksauer. Er zerdonnert ein kleines Kunstwerk. Er muss nachgeben.

Aber nicht nur das macht „Wall Street“ zum Erlebnis, nicht einmal, dass Charlie Sheen ein richtig guter, dummer, aber auch selbst denkender, unabhängiger Achtziger-Jahre-Held ist. Er macht am Ende noch einen selbstironischen Witz. Und dann weint er, wie junge Männer weinen können, die sich schämen, die aufgeregt sind, mit den Nerven runter.

Aber nicht nur wegen alledem ist es ein Erlebnis, „Wall Street“ im Jahr 2022 anzuschauen. Es sind vor allem die Menschenmengen, die einen umhauen können. Das Gedrängel im Aufzug, das Gedrängel im Saal, das Gedränge in der Zeitungsredaktion. Das Gedränge in der Zeitungsredaktion ist das Allerbeste.

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