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Das Festspielhaus in Bayreuth.

Times mager

Walküre

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Wagner-Hörer sind immer wieder auf krasse Widersprüche eingestellt.

Da Frank Castorf in „Die Walküre“ das Inszenieren vorerst eingestellt hat, dazu unten mehr, interessiert man sich automatisch fürs menschliche Drumherum. Die Toilettenfrau ist zum Beispiel entspannt und ausgeglichen, weil am Vortag, also am „Vorabend“, dem „Rheingold“, gar niemand gebuht habe. Der Zimmerwirt hat sich Kinokarten für eine „Tannhäuser“-Live-Übertragung am gestrigen Dienstag gesichert. Der junge Kellner bedauert es, dass es fürs Restaurantpersonal keine Möglichkeit gibt, irgendwo ein wenig mitzuhören. Weder über mangelndes Interesse noch über mangelnde Solidarität seitens der Bevölkerung können sich die Bayreuther Festspiele beklagen und tun es auch nicht.

Der Mann, der im ?Rheingold? weinte, ist indes aus Philadelphia eingeflogen. Nachdem er sich orientiert und festgestellt hatte, wo Bayreuth liegt. Die Tickets, erzählt er, habe er über die Internetseite der Festspiele buchen können. Er sei selbst sehr überrascht gewesen, aber sicher nicht so überrascht wie wir. Er muss die Minute des Jahres erwischt haben oder der Weltuntergang steht bevor.

Auch die Inszenierung sei eine Überraschung für ihn, ja. So etwas habe er noch nie gesehen, nun. Er verstehe es überhaupt nicht, oder ich etwa? Er wolle aber nicht abschließend urteilen.

Das kann man auch nicht riskieren. Castorfs „Walküre“ stammt aus einer anderen Welt als sein quasseliges, aber auch zutiefst lebhaftes „Rheingold“. Es gibt wenig zu erzählen, weil wenig erzählt wird. Stattdessen: große Dekoration, Einspielungen aus einem anderen Film und etliche Kostüm- und Barttrachtwechsel. Und zwei bereits im Vorfeld aufsehenerregende Truthähne, für die die Geschichte, die Castorf eventuell lieber erzählen will als „Die Walküre“, nicht gut endet. Sofern wir Sieglindes deprimierte Reaktion richtig deuten, als der Käfig nachher leer ist, in den sie noch hoffnungsvoll Futter bringt. Sie ist mittlerweile von ihrem soeben ermordeten Bruder schwanger, mit Siegfried, aber was tut das zur Sache, wenn die armen Truthähne fort, vielleicht tot sind.

Die Sänger, im „Rheingold“ alert wie Schauspieler, sind weitgehend so statuarisch konventionell, wie es sich das von Castorf geschmähte Stadttheater, weil es sich blöd vorkäme, nicht leisten würde. Oder nur im Notfall. Der Notfall ist bei Johan Botha gegeben, der dafür singt wie ein Gott. Wiewohl Siegmund der erste Mensch ist, der im „Ring“ auftritt.

Wagner-Hörer sind aber auf Paradoxe eingestellt. Gestern hatten sie frei und eilten gleich zum Liszt-Haus oder sprangen ins Grüne, den „Siebenkäs“ unterm Arm.

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