Der „Walfisch“  (16. Rezitativ, Raphael), rief im Biologieunterricht den Hohn von Herrn S. hervor.
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Der „Walfisch“  (16. Rezitativ, Raphael), rief im Biologieunterricht den Hohn von Herrn S. hervor.

Times mager

Walfisch

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Joseph Haydns „Schöpfung“ lässt uns zwischen Sehnsucht und Graus zurück.

Zur Beruhigung kann man sich sagen, dass Joseph Haydns 1798 uraufgeführtes Oratorium „Die Schöpfung“ – auf einen aus englischer Quelle entnommenen Text Gottfried van Swietens – schon immer eine verstörende Seite gehabt haben muss. Die verstörende Seite nämlich, dass die Welt überhaupt nicht so ist, wie sie hier dargestellt wird.

Es ist nicht nur der kleine Junge im Konzertsaal (vgl. FR v. 28. Januar), der einen darauf bringt, weil die Frage im Raum steht, ob er überhaupt schon einmal das Hügelchen neben dem Frankfurter Mehrfamilienhaus mit einem Schlitten heruntergesaust ist oder wenigstens im „leichten, flockigen Schnee“ (3. Rezitativ, Raphael) herumtollen konnte. Jenseits eines Urlaubs in den Alpen, den wir ihm von Herzen gönnen. Er guckt die Eltern immerhin nicht fragend an, als die Rede darauf kommt. Allerdings lassen sich kleine Jungen auch nicht immer in die Karten sehen.

Schon als wir selbst klein waren, mussten wir uns ja fragen, wie wohl der „Adler teilet die Luft im schnellesten Flug“ und wie es klingen mag, wenn „den Morgen grüßt der Lerche frohes Lied“ (14. Rezitativ, Gabriel). Denn wer endlich alt genug für die Wortstellung ist, muss schon gleich wieder mit der Welt, der einzigen zurzeit zur Verfügung stehenden, hadern. Und mit den Fakten. Auch dem „Walfisch“ zum Beispiel (16. Rezitativ, Raphael), der im Biologieunterricht den Hohn von Herrn S. hervorrief. Herr S., eine unpoetische Natur, hatte leider völlig recht, aber nicht, weil es nachher ärgerlicherweise heißt: „Dein Will’ ist mir Gesetz. So hat’s der Herr bestimmt, und dir gehorchen bringt mir Freude, Glück und Ruhm“ (31. Rezitativ, Eva – eine missliche Ausgangssituation, auf die sich Adam, eher der sanfte Typ des Besserwissers, sympathischerweise nicht tiefergehend einlässt – trotzdem ist klar, dass ihn heute kein vernünftiger Mensch mehr leiden kann).

Das Tollste ist allerdings, dass der Schöpfer jemanden brauchte, der wertschätzen konnte, wie gut er das alles hinbekommen hatte. „Dem Ganzen fehlte das Geschöpf, / das Gottes Werke dankbar sehn, / des Herren Güte preisen soll“ (22. Arie, Raphael). Das waren wir. Demnach führte Gottes namenlose Eitelkeit in den Schlamassel. Wobei sich der Mensch, selbst in Fragen der Eitelkeit praktisch unschlagbar, das vielleicht nur einbildet. So haben es Ebenbild und Schöpfer ein paar tausend Jahre miteinander ausgehalten.

Insgesamt lässt Joseph Haydns „Schöpfung“ zwischen Sehnsucht und Graus zurück. Und vieles stimmt auch einfach. „Das zarte Taubenpaar“ (15. Arie, Gabriel), und da noch eins, da noch eins, Und da ist schon wieder eins, verdammt.

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