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Unser Autor besuchte eine Wagner-Gala an der Berliner Staatsoper, doch die Aufführung interessiert ihn schnell nicht mehr.
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Unser Autor besuchte eine Wagner-Gala an der Berliner Staatsoper, doch die Aufführung interessiert ihn schnell nicht mehr.

Times mager

Die Wahrheit

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Eine hübsche junge Frau mit einem hübschen Dekolletee: Aber was steht dort? Und ist es etwa ein Tattoo?

Sonntagabend war ich in der Berliner Lindenoper, also im ehemaligen Schillertheater, bei einer Wagner-Gala. Großartig. Aber davon soll nicht die Rede sein. Im Foyer hatte ich eine Frau gesehen, wohl Mitte zwanzig. Sehr zierlich, sehr hübsch, mit einem wundervollen Busen. Das kann ich sagen, weil das Dekolletee nicht ohne Stolz auf diesen Vorzug hinwies. Damit niemand es etwa übersah, war es mit einem Tattoo geschmückt, einem schmalen Schriftzug. Ich konnte ihn auf die Entfernung nicht entziffern. Ich gab meinen Mantel an der Garderobe ab. Als ich mich wieder umdrehte, sah ich die Frau, den Busen, das Tattoo nicht wieder. Das Leben, dachte ich, setzt sich aus lauter verpassten Glücksmomenten zusammen.

Als ich mich auf meinen Platz setzte, saß sie neben mir. Ich grüßte. Sie nickte nicht einmal zurück. Vielleicht hatte sie mich aber gar nicht gehört. Ich spreche sehr leise. Aus Schüchternheit oder Wichtigtuerei? Ich bin mir unsicher. Von nun an gab es zwei Vorstellungen: die vorne auf der Bühne – Szenen aus „Tannhäuser“, den „Meistersingern“, „Lohengrin“, „Walküre“, „Parsifal“ – und die Bewegungen meiner Nachbarin.

Wenn sie mal das eine, mal das andere Bein übereinander schlug, nahm sie stets ihre Hände zur Hilfe. Jedes Mal berührte sie dabei meinen Arm. Schlug sie das rechte über das linke Bein, wandte sie sich mir zu und ich konnte ihr Gesicht, ihren Busen und dazwischen das Tattoo sehen.

Tattoo? Nein, lass es kein Tattoo sein! Tattoos sind beschissen, prollig. Sie sieht doch viel zu klug dafür aus. Und viel zu schön sowieso. Sie hat es sich für diesen Abend draufmalen, applizieren lassen, was auch immer. Nur nichts Dauerhaftes! Himmelherrgott, kein Tattoo!

Ich sollte sie ansprechen, nach dem Schriftzug fragen. Den kann ich immer noch nicht lesen. Ich bin 70 Jahre alt, habe mir meine Augen lasern lassen und brauche für die Nähe eine Brille. Sie anzusprechen fehlt mir der Mut. Er fehlt mir von Anfang bis Schluss. Fast drei Stunden lang. Je älter ich werde, desto kindisch-schüchterner, verkrampfter werde ich. Erst recht fehlt mir der Mut, meine Brille herauszuziehen, sie aufzusetzen, mich zu ihr hinüberzuneigen und den interessant geschweiften Schriftzug – womöglich ist es aber nur ein Ornament – zu entziffern.

Ich fürchte nicht, dass sie mir eine knallt. Ich fürchte nicht einmal, dass sie sich über mich lustig macht. Ich fürchte, dass sie denkt: ein widerlicher, alter, impotenter Lustmolch. Mit anderen Worten: Ich fürchte die Wahrheit.

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