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Wer in Frankfurt wählen geht, muss sich vor nichts fürchten. Anders sieht es in Afghanistan aus, wo es sehr viel Mut erfordert, seine Stimme abzugeben. So ging diese Wählerin in Kandahar unter strengen Sicherheitsvorkehrungen zur Wahl, die sich um eine Woche verzögert hatte, nachdem der Polizeichef von Kandahar getötet worden war.

Times mager

Wahltag

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Was ist daran schändlich, das geringere Übel zu wählen?

Hundertmal vernünftiger wäre es gewesen, mit der Briefwahl längst alles erledigt zu haben. Keine Umwege am eisigen Sonntagmorgen vor dem Redaktionsdienst (Wahlbenachrichtigung gesucht statt Wetter-App beobachtet!). Auch keine leise Sorge, im entscheidenden Augenblick, die Hand vom Teufel geführt, einen falschen Kreis anzukreuzen. Kein Hauch von Peinlichkeit außerdem, wenn vier Augenpaare ungestresster Wahlhelfer auf die einzige Person gerichtet sind, die jetzt hereinkommt. Die Wahlbenachrichtigung ist schon wieder irgendwo in der Tasche verschwunden, aber jetzt im plötzlichen Halbdunkel und mit klammen Fingern und unter Beobachtung geht es schon gar nicht mehr. Oder doch, es geht doch, und zwar aus psychologischen Gründen, weil ein junges, fittes Pärchen überholt hat, die Zettel in den Fausthandschuhen.

Das Pärchen hat sich jetzt auf zwei der drei Klappkabinen verteilt, hinter der dritten Wand sitzt ein Mann, der beizeiten die Winterschuhe ausgepackt hat. Alle sind also einerseits besser vorbereitet, brüten andererseits jetzt offenbar doch über der Volksabstimmung zur Verfassungsänderung. Sieh mal einer an. Die junge Frau taucht noch am schnellsten wieder auf. Jetzt gilt’s.

Nicht wählen zu gehen, kommt der Nichtbriefwählerin nicht nur politisch und wegen der, wie man hier sehen kann, vielfachen Verneinung indiskutabel vor. Es erscheint ihr auch deshalb sonderbar, weil sie in Wahrheit gerne wählen geht. Wenn sie ganz ehrlich mit sich ist, liebt sie es sogar, zur Wahl zu gehen. Liebte es schon, als sie neben den Eltern ins Schulgebäude spazierte, das sonntags ganz anders aussah. Heutzutage trabt sie in ein kleines Theater im hinteren Winkel eines Häuschenwirrwarrs, in dem einem am Sonntag ausschließlich wählende Personen begegnen. Die Leute haben jetzt nicht gerade die Engelsflügelchen der braven Bürger, aber sie sehen nicht unzufrieden aus.

Es ist still und friedlich dabei. Jeder darf wählen, wen er will. Niemand fragt, niemand schimpft, droht oder rempelt oder geht mal hinterher. Man muss keinen Mut zusammennehmen, sich vor nichts fürchten, auch nicht davor, dass die Wahlzettel in eine schwarze Grube durchfallen und nie mehr gesehen werden. Es ist nicht mal eng. Das ist auch etwas Besonderes, eine Stelle in Frankfurt, die praktisch nie überfüllt ist.

Festzustellen, dass Wahlen die Welt nicht immer besser machen, ist natürlich ärgerlich. Kein fieser Putsch, kein rechtloser Akt kippt in diesen Jahren die Verhältnisse in Europa und Nordamerika. Wählerinnen und Wähler sind’s. Nichtwählerinnen und Nichtwähler aber auch. Das geringere Übel zu wählen, kam mir noch nie schändlich oder fade vor.

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