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Wärmetiere

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Von: Sylvia Staude

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Am besten wäre natürlich eine selbstfliegende Kuckucksuhr.
Am besten wäre natürlich eine selbstfliegende Kuckucksuhr. © imago

Es gibt sie noch, die tröstlichen Dinge. Sogar nach Brexit und Trump.

Es gibt sie noch, die tröstlichen Dinge. Sogar im Herbst 2016. Sogar nach Brexit und Trump. Sogar nachdem man sich tierisch beeilt hat, die Winterreifen aufziehen zu lassen, aber jetzt sind die Temperaturen wie im Frühling, aber der Himmel trotzdem grau und die Bäume kahl. Es ist also eindeutig nicht Frühling. Mist.

Doch es gibt etwa beim morgendlichen Durchforsten der Mail zuverlässig das tröstliche Angebot, Hunderttausende von Dollar behalten zu können, wenn man nur einem armen Menschen mit sehr viel Geld hilft, es zu transferieren. Darauf ließe sich zurückkommen, sobald wirklich keiner mehr eine Zeitung kaufen will.

Es gibt etwa den möglichen Erwerb eines „Wärmetieres“, abgebildet in einer Konkurrenzzeitung, das zwar aussieht wie eine rosa-weiße Plüschkuh mit Ponymähne, alles made in China, das aber bestimmt besondere Kräfte hat, sonst würde es nicht auf einer „Lebensfreudemesse“ verkauft werden. Andererseits, wer braucht aktuell ein Wärmetier?

Tröstlich aber in der Bahn die Tatsache, dass einem kein junger Mensch einen Platz anbietet: Man sieht also jünger aus, als man ist.

Tröstlich auch, dass die Rolltreppe am Bahnhof immer noch nicht geht. So sieht man auch noch in zehn Jahren zehn Jahre jünger aus und kann sich außerdem durch Stehen in der Bahn fit halten.

Tröstlich auch die per Mail vermittelte Chance, an der Wahl der „Kuckucksuhr 2016“ teilnehmen zu können. Zur Auswahl stehen unter anderem „Schwarzwälder Biertrinker“, ein „Glücks-Hansi-Hof“ (auch dort wird Bier getrunken, aber zusätzlich versteckt sich eine Kuh hinter einem Baum und sie ist nicht mal rosa), eine „Kuckucksuhr mit Autowerkstatt“, oha, und sogar eine „moderne Kuckucksuhr“: Auf einem Holzbrett mit Zeigern pappt rechts oben ein schwarzer Kunststoff-Hirschkopf mit überproportional großem, rotem Geweih (Achtzehnender, quasi), pappt links oben etwas Kleines, Flaches, das die Form einer Aktentasche hat. Hm. Wenn wir es erst verstanden haben, voten wir dafür. Vielleicht kann sich die Aktentasche ja öffnen, wenn es Zeit ist, ins Büro zu gehen, und kann rufen „Piep, Piep, Piep, wir haben uns alle lieb“.

Noch besser wäre nur eine selbstfliegende Kuckucksuhr, die einen über den Köpfen der Autofahrer im Stau und der wie Sardinen in der Bahn Stehenden ins Büro fliegt.

Am tröstlichsten aber in diesen Tagen, dass Laubbläser uns hörbar daran erinnern, dass Menschen fleißig sind in unseren Straßen, noch ehe die Aktentasche piept.

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