Gab es das Phänomen „Vorsicht, Vorsicht, wir nehmen keine Rücksicht!“ etwa gar nicht auf allen Schulhöfen?
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Wo haben die Leute ihr Sozialverhalten gelernt, die sich heute als Erwachsene so rücksichtslos gebärden?

Times mager

Vorsicht

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Schulhöfe, Internet – und das Sozialverhalten der Erwachsenen.

Nein, sagt das schlaue Netz: „Keine Ergebnisse für ,Vorsicht, wir nehmen keine Rücksicht‘ gefunden.“ Präzise müsste es zwar heißen: „Vorsicht, Vorsicht, wir nehmen keine Rücksicht!“, allein schon dem Versmaß zuliebe. Wie eigentlich alle wissen müssten. Dachten jedenfalls gewisse ehemalige Grundschüler. Aber für Suchmaschinen spielt es ja knapp fünfzig Jahre später keine Rolle mehr, ob es sich nun um eine Vorsicht handelt oder um zwei Vorsichten.

Das Spiel ging so: Man fasste sich als Paar nebeneinander stehend bei den Händen. Im Optimalfall hätten beide Teilnehmer die Arme vor der Brust gekreuzt (die Ärmchen vor dem Brüstchen), auf dass man noch gefährlicher und bulldozerhafter aussähe, aber das ging irgendwie nicht. Am Ende hatte immer nur einer die Arme gekreuzt, der andere nicht. Sonst hätten die Hände nicht richtig zueinander gepasst. Gemeinsam waren sie trotzdem eine unbesiegbare Maschine, die über den Schulhof pflügte und krähte: „Vorsicht, Vorsicht, wir nehmen keine Rücksicht!“

Keine Rücksicht nehmen, das bedeutete nicht etwa, dass die unbesiegbare Maschine dringend irgendwohin gemusst hätte, sagen wir: zur Baustelle vor der Turnhalle, um da etwas Produktives beizutragen, als Maschine eben, und wer ihr dabei in die Quere käme, würde gnadenlos untergepflügt. Es war eher so, dass die Maschine andere Erstklässler aufzuspüren in der Lage war, um sie gezielt über den Haufen zu rennen. Na ja. Maschinchen.

Wenn das Internet heute keine Ahnung hat von solchen Vorgängen aus den Zeiten der Mengenlehre an hessischen Grundschulen, wirft das Fragen auf. Etwa: Gab es das Phänomen „Vorsicht, Vorsicht, wir nehmen keine Rücksicht!“ etwa gar nicht auf allen Schulhöfen? Gab es dieses Phänomen womöglich nur an einer einzigen Schule? Hätte es also genügt, die Polizei zu rufen, und schon wäre man als vielbeschäftigter Erstklässler eine Sorge losgeworden? Gut, man besaß natürlich keine mobilen Kommunikationsmittel. Aber Frau S. im Schulsekretariat hätte einen sicher kurz mit den Ordnungsbehörden telefonieren lassen.

„Hallo, Polizei? Hier sind Leute, die rennen als Bulldozer durch friedliche Zusammenhänge, provozieren mutwillig Kollisionen und sagen hinterher, das wäre überhaupt nicht so gemeint gewesen, aber sie würden bald die Herrschaft übernehmen und dann würde sowieso alles anders. Ja. Ich? Sechseinhalb. Hallo?“

Wenn es das aber sonst nirgends auf Schulhöfen gab, wo haben dann die Leute ihr Sozialverhalten gelernt, die sich heute als Erwachsene genau nach diesem Muster gebärden, Parteien gründen und Staaten lenken?

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