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Warten bei der Arztpraxis – keine Seltenheit.
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Warten bei der Arztpraxis – keine Seltenheit.

Times mager

Vorm System

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Theoretisch ist es möglich anzurufen. Praktisch ist nicht viel möglich, auch nicht, wenn man es leibhaftig versucht bei der Türhüterin.

Vor dem Gesundheitssystem sitzt eine Sprechstundenhilfe. Zu dieser Sprechstundenhilfe kommt ein Mann aus der Vorstadt und bittet um Eintritt in die Arztpraxis. Das heißt, nein, er versucht zunächst, die Sprechstundenhilfe telefonisch zu erreichen, um einen Termin zu vereinbaren.

Theoretisch ist das zwischen 9 und 11 Uhr sowie zwischen 14 und 16 Uhr möglich. Das hat der Mann von der automatischen Telefonansage erfahren, die offiziell vor 9 Uhr, zwischen 11 und 14 Uhr sowie nach 16 Uhr läuft. Manchmal läuft sie auch morgens bis 9.38 Uhr durch („Sie rufen außerhalb unserer …“), oft ist sie auch bereits um 10.51 Uhr, bis 14.17 Uhr und schon um 15.49 Uhr zu hören. Man möchte dann gern auf einem Tonband eine Nachricht hinterlassen („Nein, ich rufe eben nicht außerhalb Ihrer …“), aber es gibt kein Tonband, es gibt nur die automatische Ansage.

In den Zeiten, in denen man offiziell anrufen darf und kein Automat antwortet, ist die Leitung generell besetzt, oder es geht niemand ran.

Während der vielen Jahre ruft der Mann die Sprechstundenhilfe fast ununterbrochen an, er vergisst die anderen Sprechstundenhilfen, und diese eine scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesundheitssystem. Er wird kindisch und beginnt, E-Mails an die Arztpraxis zu schicken, in denen er um einen Termin bittet. Natürlich erhält er keine Antwort.

Solche Schwierigkeiten hat der Mann aus der Vorstadt nicht erwartet. Eines Tages beschließt er, zum Ärztehaus zu fahren, um dort persönlich nach einem Termin zu fragen. Aber die Türhüterin sagt, dass sie ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, warum. „Ohne Termin darf ich niemanden durchlassen“, sagt die Türhüterin. „Sie müssen telefonisch einen Termin vereinbaren.“ Der Mann sagt kraftlos, das habe er seit Jahren versucht. Deshalb sei er ja nun persönlich hier.

Die Türhüterin stellt kleine Verhöre mit ihm an und misst Fieber. Da die Tür zum Gesundheitssystem offen steht wie immer und die Türhüterin beiseitetritt, geht der Mann weiter, bis er vor der nächsten Türhüterin steht. Sie versucht auf seine Bitte hin, oben in der Arztpraxis anzurufen. Besetzt. Oder es geht niemand ran. Irgendwann gibt sie dem Mann mit einer heimlichen Geste zu verstehen, er solle hineinhuschen, aber die nächste Türhüterin, die dritte, sei … au weia.

Mit letzter Kraft erreicht der Mann die Arztpraxis. Vor der Anmeldung steht eine lange Reihe von kranken und gebeugten Menschen. Die Sprechstundenhilfe telefoniert mit ihrem kranken Sohn, seit Wochen schon, sagen die anderen Wartenden, und das alles sei fast wie bei Kafka.

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