+
Man legt den Kopf zur Seite, aber man will nicht etwa horchen, mal will genauer sehen.

Times mager

Vorlagen

  • schließen

Alles Überwältigende ist heikel, erst recht, wenn man sich sein Geheimnis zu erklären versucht. Schweigen wir also und schauen auf diese Halbsäulen. Die Feuilleton-Kolumne.

Auch für Vorlagen gibt es eine Erklärung. Vorlagen? Das ist sicherlich nicht ganz so einfach. Sie sind nicht zu übersehen, aber sie werden als Halbsäulen auf der Fassade gerne verkannt. Was heißt gerne, aber doch oft, wie sie die Fassade gliedern, der Fläche einen Halt geben. Vorlagen sind nicht nur so da, sie haben einen Sinn. Der Vertikale geben sie eine Fassung, der Horizontale einen Rahmen. Mancherorts (an mancher Fassade) sind sie wie dicke Wülste, wenn die Proportionen nicht stimmen. Oder aber sie wirken wie Adern auf einem Baukörper, ganz organisch.

Dann ist es gut, so wie hier, seitdem die Fassade existiert, eine für die lombardische Romanik typische Fassade. Ein besonders prominentes Exemplar, alle Welt weiß es, steht in Verona. Hier, vor uns, ein Pendant, ein Ableger, S. Andrea. Die Kunstführer überschlagen sich, ja, großartig die Gliederung aus Stein, aufgebrochen durch ein Portal und ein ganz schmales Fenster darüber, als Variation der Öffnung darunter, mit eingestellten Bündelpfeilern. Das Rundbogenfenster denkt man sich jetzt einfach mal weg. So machen wir es, es kam ja erst später hinzu, in der Renaissance.

Wovon aber reden wir, wenn wir von Romanik sprechen? Dann greifen wir natürlich hinaus über Adriano Celentano oder Rita Pavone. Nix Paulo Conte, aber auch nicht Verdi oder Garibaldi, die waren Romantik. Diese Fassade hier reicht sogar hinaus über die Mailänder Visconti, erst recht über Inter und AC. Selbst über Mussolini und Salvini, über all das, was so auf der Hand liegt. Also auch weiter zurück als die Seeschlacht zwischen Venedig und Mailand, direkt hier, auf dem Gardasee, 1439 in der Bucht Maderno. Diese auf einer Holzbank im Rücken, kommen wir der Romanik näher.

Die reine Form

Denn im Jahr 1439 ist die Basilika bereits 300 Jahre alt mit ihren unterschiedlich großen Steinen und unregelmäßigen Steinlagen aus weißem, grauem und rosafarbenem Marmor, daraus gemacht auch Blendbögen und Friese, Kapitelle und Konsolen oder die – Halbsäulen. Sie sind reine Form, sie stützen eigentlich nicht, sie gliedern, darin besteht ihre Funktion.

Man legt den Kopf zur Seite, aber man will nicht etwa horchen, mal will genauer sehen. Eine farbige Fassade, in ihrer Vielfalt überwältigend. Das ist natürlich heikel, denn alles Überwältigende ist heikel, erst recht, wenn man sich sein Geheimnis zu erklären versucht. Denn wer ist schon ein großer Erklärer? Deshalb ist das Überwältigende gerade dann berührend, wenn man in aller Deutlichkeit verstummt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion