Filmegucken ist seltsam derzeit: Immerzu drängen sich Menschen aneinander, niemand schert sich um Mindestabstände - wie hier in „Das Omen“.
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Filmegucken ist seltsam derzeit: Immerzu drängen sich Menschen aneinander, niemand schert sich um Mindestabstände - wie hier in „Das Omen“.

Times mager

Vorher - Die Feuilleton-Kolumne

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Drei Kumpels nebeneinander? Dann eine leere Schaukel? Wie sich Fernsehwerbung anpasst - oder nicht.

Die Frankfurter Straßenbahn mit der Aufschrift „Nonstop nach Phuket“ sieht derzeit gewissermaßen aus wie eine Dampflokomotive. Hingegen hat sich ein im Prinzip norddeutsch verlangsamt gebender Bierhersteller bemerkenswert früh auf den aktuellen Stand der Dinge eingestellt: Die ausgesucht unglamouröse Hollywoodschaukel, auf der man sonst drei gedrosselten Saufbrüdern – also natürlich drei Freunden, die ein gepflegtes Feierabendbierchen zischten – beim Flaschenöffnen zusah, ist seit einigen Wochen leer.

Wobei das Werbevorfeld der Tagesschau etwas unübersichtlich ist. Zwar liegt seit dem 13. März die private Einschaltquote bei 97 Prozent. Aber von den mitschauenden Personen schaltet immer wieder die eine oder der andere wütend weg. Die eine bei der Bank, die anscheinend nur Ignoranten wie unsereiner nicht als eigentliches soziales Herz der Gesellschaft anerkennen können. Der andere bei den auch an dieser Stelle schon tüchtig in den Senkel gestellten Hinweisen zur immer effizienteren Unterleibsbeschwerdenlinderung, in die inzwischen auch kleine Kinder hineingezogen werden. Die eine dann wieder bei der auftrumpfenden Haus-und-Garten-Ausbau-Reklame, einfach weil sie jede Art von Haus-und-Garten-Ausbau schon immer verabscheut hat. Der andere verabscheut es aber viel weniger als früher, inzwischen schweift er schnippelnd und pustend im Freien umher und hätte wohl nichts dagegen, sich auf interessante neue Produkte aufmerksam machen zu lassen. Dafür macht er die anschaulich illustrierte Fußkribbelgeschichte so schnell weg, dass die andere nie verstanden hat, wie sich dieses Problem nun lösen lassen könnte. Wäre es nicht ganz gut, das zu wissen?

Nun kommt aber schon die schaurige Frühstücksflockenwerbung, deren Sog erst im Laden wieder seine ärgerliche Wirkung entfalten wird. Vorerst sitzen wir wie gelähmt davor.

Die leere Hollywoodschaukel: Sie ist eine feine Sache.

Und wohin wird geschaltet? Zu den Rosenheim-Cops oder zur Wiederholung von Golfturnieren in exklusiven Landschaften. Das ist keine Lösung, und daraus entsteht auch dieses ganze Hin und Her und Herumgemaule bis zum Gongschlag.

Nicht zu verhindern hingegen ist, dass sich nachher im Krimi die Menschen um den Hals fallen und im überfüllten Restaurant zu ihrem winzigen Zweiertisch durchdrängeln. Und zwar drängeln sie sich nicht an Hinweisschildern und Barrieren vorbei, sondern an anderen Menschen. Eva Menasse hat kürzlich im FR-Interview darauf aufmerksam gemacht: dass in Filmen und Büchern Menschen selbstverständlich all das tun, was im Moment unmöglich ist. Am Anfang kamen uns diese Menschen beneidenswert vor. Ein paar Wochen später wirken sie wie Naivlinge.

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